Roma als europäischste Europäer

16. April 2004, 14:58
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Die Roma verkörpern Europa, sagt der Siebenbürger Sachse Franz Remmel - Europa sieht sie freilich hauptsächlich als "Problem"

Oberwart (Erba) - Die EU-Abgeordnete Christa Prets hat ein politisches Lebensmotto, das nicht nur auf der unmittelbaren parlamentarischen Arbeit fußt, sondern auch auf den Mechanismen, die sie begleiten: Öffentlichkeit.

Amtsgewicht

Schon zur Zeit als burgenländische Kulturlandesrätin beschwerte sie zahlreiche Initiativen mit dem Gewicht ihres Amtes, damit diese ins Gerede kommen. Das hält sie als Brüsselerin genau so. Zuletzt brachte sie Menschen ins Hohe Haus, die sich selbst als eine Art Prüfstein sehen für das Europäische an Europa: Roma.

"Die Roma", sagt sie in ihrem Eisenstädter Büro, das nicht diätenfähig ist und dennoch regelmäßig von ihr in Anspruch genommen wird, "die Roma sind Europas größte Volksgruppe." In der Liste der Herausforderungen, denen sich der Kontinent gegenübersieht, kommen sie dennoch kaum vor. Und wenn, dann als Problem. Und genau das, meint Christa Prets, sei das Problem.

Problem in der Öffentlichkeit thematisieren

Der Auftritt der burgenländischen Roma in Brüssel und die Herausgabe einer Studie über "Roma-Politik in Österreich, in der EU und im übrigen Europa" sei da bloß der Versuch, dieses Problem in die allgemeine Aufmerksamkeit zu rücken. Damit nicht allein Medienberichte über "Plünderungen" in der Ostslowakei - ausgelöst durch die brutale Kürzung der Sozialhilfe im Landstrich flächendeckender Arbeitslosigkeit - die Wahrnehmung bestimmen.

Die Initiative der Christa Prets war auch und vor allem eine PR-Aktion für die österreichischen Roma-Gesellschaften, die Volkshochschule, den Roma-Verein, das Romano Centro des Rudolf Sarközi, das sich auch sehr intensiv mit der Lage der Roma in der Slowakei auseinander setzt.

Vergangene Woche haben die drei Vereine zum zweiten internationalen Roma-Tag nach Oberwart geladen, das sich immer mehr zu einem Zentrum der europäischen Roma entwickelt.

Möglichkeiten finden

Vier Referenten versuchten da nicht nur, die traurige Lage zu skizzieren, sondern vor allem Möglichkeiten aufzuzeigen, die größte Volksgruppe ins Leben des Kontinents zu integrieren. "Mri Buti" - meine Arbeit - wäre so ein Projekt, erzählte die Sozialpädagogin Susanne Baranyai. Das EU-geförderte Arbeitsprojekt sei freilich weitaus unterbudgetiert, sodass sich daraus - noch - keine echte "Brückenfunktion in den normalen Arbeitsmarkt" hat entwickeln können.

"Punktuelle Hilfsprogramme", meint Rudolf Sarközi, "sind ohnehin nutzlos". Ausbildungsprogramme ohne reelle Chance auf dem Arbeitsmarkt würden nur die Vorurteile bedienen: "Die wollen nicht, die können nicht." Es sei hoch an der Zeit "zu investieren, was Jahrzehnte versäumt wurde". Aber, so holt er die in Legislaturperioden denkenden Politiker auf den Boden, "es wird mit Sicherheit noch zwei Generationen brauchen".

Die Europäer

Franz Remmel, ein deutsch schreibender Schriftsteller aus dem rumänischen Siebenbürgen, ist überzeugt: "Die Roma sind die großen Verlierer in ganz Europa." Und das, obwohl der Kontinent sich zu einem guten Teil über diese Volksgruppe definiert: "Wenn es überhaupt etwas Gesamteuropäisches gibt, etwas, das es nicht erst seit der Gründung des Europaparlaments, des Europäischen Gerichtshofes, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft gibt, sondern etwas, das authentisch seit Jahrhunderten fortbesteht, dann sind das die Roma." (DER STANDARD, Printausgabe 9./10.4.2004)

Von Wolfgang Weisgram

Siehe

CD-Tipp: "Zigeuner" als Lehrstoff

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Roma werden als "Problem" wahrgenommen - wie bei den Unruhen im Februar in der Ostslowakei nach der Kürzung der Sozialunterstützung. Der "Roma-Tag" sucht Auswege.

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