Die Party ist vorbei

23. April 2004, 21:40
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Das britische Trendmagazin "The Face" revolutionierte in den 80er-Jahren Journalismus wie Zeitungslayout - nun erschien die letzte Ausgabe

Jean-Pierre aus Paris wird die Welt nicht mehr verstehen: "Hallo, ich lese euer Magazin nun schon seit langer, langer Zeit - und ich bin immer noch ein Fan", schreibt er in einem Leserbrief, abgedruckt in der April-Ausgabe von "The Face". Aber, das ist auch Jean-Pierre aufgefallen: "Euer Magazin beinhaltet immer mehr Modethemen."

Die Kritik des Franzosen kommt als Anregung leider zu spät. Anfang März kündigte Eigentümer Emap eine Nachdenkpause für "The Face" an. Man wolle verschiedene Optionen abwägen, hieß es: Neuerfindung, Verkauf oder Schließung. Vergangenen Donnerstag erschien die letzte Ausgabe. Es sieht nicht gut aus für den einstigen Trendsetter.

Zeitgeistmedien unterliegen bekanntlich einer begrenzten Haltbarkeit, das mussten "Tempo" in Deutschland, hierzulande "Basta" und auch "Wiener" schmerzlich erfahren. Aber "The Face" war mehr - in den 1980er- und '90er-Jahren war es "Zeitgeist" schlechthin, gab ihn vor. Die Zeitung wurde inhaltlich und gestalterisch "irgendwann so stilbildend, dass selbst Supermarkt-Flugblätter und Duschgel-Rückseiten im "Face"-Look gestaltet waren", schreibt etwa die "Süddeutsche Zeitung".

Mit 7000 Pfund hatte der Musikjournalist Nick Logan 1980 "The Face" gegründet. Zur Anfangsmannschaft gehörten Julie Burchill und Tony Parsons. Beide standen für einen völlig neuen, wilden Stil im Musikjournalismus.

Der Erfolg ließ vorerst trotzdem auf sich warten. Erst 1982 mit Neville Brody als Artdirector kam die Wende. Brody schuf dank seines Faibles für klare Typografie und seines Gespürs für junge Fotografie eine unverwechselbare Ästhetik. Von da an schossen die Verkaufszahlen in die Höhe - 100.000 Exemplare pro Ausgabe, 300.000 weltweit.

Musik, Mode und Drogen waren die bevorzugten Themen. Radikale Fotografen wie Terry Richardson, Ellen von Unwerth und Mario Testino wurden berühmt und reich. Blondie, Vivienne Westwood, Tom Ford und vor allem Kate Moss wurden durch "The Face" ins Scheinwerferlicht gerückt und dadurch so unangreifbar, wie sie es heute sind.

Jeder ist cool

"The Face" revolutionierte den Journalismus und initiierte die Jugendbewegungen der 80er von Clubbing bis Britpop. Und wenn etwas an dem Jahrzehnt geschmackvoll war, war es dieses im Stil sowjetischer Plakatkunst gelayoutete Magazin. 1999 hatte Logan genug und verkaufte an Emap.

Und heute? Aus 66 Seiten wurden 142. Auf jeder zweiten Seite prangt Werbung - was Nick Logan so nie haben wollte. Dazwischen ein Artikel über John Taylor, Mitglied der Popband Duran Duran. Die hatten bezeichnenderweise in den 80ern ihre große Zeit.

So wurde "The Face" vom selber ausgerufenen Trend eingeholt, und es trat das ein, was deren Journalisten lange Zeit so spielend einfach herbeizuschreiben vermochten: "Heutzutage ist ,cool' Mainstream, jeder ist cool", beschreibt die "Londoner Times" das Dilemma. Das muss wohl auch Jean-Pierre zur Kenntnis nehmen. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 10./11./12.4.2004)

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