Meissner-Blau: "Jössas! Ich bin auch eine alte Frau"

16. April 2004, 15:13
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Edith Klestil und Freda Meissner-Blau diskutieren im STANDARD-Streitgespräch über Sanktionen und Schmutzkübelwahlkampf

Standard: Sie haben beide Erfahrung im Bundespräsidentenwahlkämpfen. Wie beurteilen Sie den Wahlkampf?

Meissner-Blau: Herkömmlich und unaufgeregt.

Klestil: Man kann von Präsidentenwahlen nicht viel Aufregendes erwarten.

Standard: Worin unterscheiden sich die Kandidaten?

Meissner-Blau: Fischer ist ein krisenfester, verfassungstreuer, bescheidener Mensch, der nicht aus Eitelkeit in die Hofburg will. Wir sind in einer konfliktreichen Situation. Da muss ein Mensch das Staatsschiff lenken, der genau weiß, wie er durch die Wogen hindurchgeht oder sie glättet.

Klestil: Ferrero-Waldner ist auch Juristin, hat also die gleichen Voraussetzungen. Am Anfang ihrer Karriere war sie in der Wirtschaft, dann hat sie Auslandsposten gehabt, nicht immer die allerbesten, das muss man aber auch lernen – später Protokollchefin, Staatssekretärin und dann Außenministerin. Mit den Aufgaben wächst der Mensch.

Meissner-Blau: Einspruch. Fischer ist souveräner. Ich habe manchmal Stöhnen aus dem SP-Klub gehört, weil er mit seinen Leuten härter umgeht als mit politischen Gegnern. Das gibt mir Vertrauen, dass‑ er nicht auf Parteieinflüsterungen hört. Ferrero hat nie‑ einen eigenen Standpunkt, sie macht, was der Kanzler sagt.

Klestil: Kanzler und Außenministerin müssen selbstverständlich zusammenarbeiten.

Meissner-Blau: Fischer wäre nie passiert, was Ferrero passiert ist: dass sie die jungen Leute von der VolxTheaterKarawane der Polizei von Genua ausgeliefert hat.

Klestil: Als Ferrero-Waldner in das Fettnäpfchen trat, war sie im Ausland – in anderer Mission tätig. Da kann es passieren, dass man nicht schnell genug rückfragt.

Standard: Empfinden Sie den Wahlkampf als schmutzig?

Klestil: Ach Gott, ich habe in Amerika Wahlkämpfe erlebt, da geht es anders zu.

Meissner-Blau: Kurt Bergmann ist ein Problem. Er ist von brutaler Untergriffigkeit, dass es mir für Ferrero fast Leid tut, dass sie ihn als Wahlkampfleiter hat. Ich hätte mir einen feineren Herrn ausgesucht.

Klestil: Über Wortwahl kann man streiten. Viel wichtiger ist, dass die Kandidaten selbst authentisch bleiben. Je weniger man irgendwelchen Firlefanzen nachgibt, umso besser.

Standard: Wenn Fischer DJ spielt und Ferrero DJ Ötzi super findet . . .

Meissner-Blau: . . . dann ist das sehr peinlich. Da sollten die Kandidaten nicht mitmachen.

Klestil: Absolut. Da gebe ich Ihnen ganz Recht.

Meissner-Blau: Unendlich peinlich finde ich auch die Geschichte mit der Löwin. Ferrero hat nicht wie eine Löwin gegen die EU-Sanktionen gekämpft. Eine gute Außenpolitikerin hätte diese verhindert. Sie hat nur gelächelt.

Klestil: Wie soll man vorher wissen, was nachher passiert?

Meissner-Blau: Alle wussten es. In Europa hat sich bei außerordentlicher Unmut zusammengebraut.

Klestil: Niemand wusste, dass das eskaliert, es gab nie davor Sanktionen. Ferrero hat gekämpft. Niemand war solcher Feindseligkeit ausgesetzt.

Standard: Wie wichtig ist ein Bundespräsident überhaupt?

Meissner-Blau: Lange war ich der Meinung, dass er nur die Bandeln bei der Rieder Messe durchschneidet. In Wirklichkeit hat er eine Fülle von Kompetenzen. Daher muss dort jemand Kompetenter sitzen.

Klestil: Und das trauen Sie Ferrero-Waldner nicht zu?

Meissner-Blau: Sie schmeißt oft die Nerven weg. Ich hoffe nicht, dass sie das Staatsschiff lenkt.

Klestil: Als Kapitän wird sie sicher die Nerven behalten.

Standard: Wird die TV-Diskussion die Entscheidung bringen?

Meissner-Blau: Nur zu einer zu gehen, das ist feig von Ferrero. Sagen Sie Ihr, sie soll den Mut haben und sich stellen.

Klestil: Also, feig war sie nie. Bei vier Kandidaten müssten mehr Diskussionen sein. Aber bei zwei Kandidaten – da ist manchmal weniger mehr.

Standard: Frau Meissner-Blau, Ihre Unterstützung für Fischer überrascht. Er war für Dinge, gegen die Sie kämpften – Zwentendorf oder Hainburg.

Meissner-Blau: Das würde ich auch nie leugnen. Aber dass er irgendwann einmal vor 30 Jahren für die Atomenergie war, wie die ganzen Sozis und wie alle ÖVPler . . .

Klestil: Ich nicht!

Meissner-Blau: Er sagt es heute nicht mehr. Gott sei Dank. Das würde ich nicht aushalten.

Standard: Was bringen prominente Helfer wie Sie?

Klestil: Wenn man vertrauenswürdig ist, dann kann es Unentschlossenen eine Orientierungshilfe sein.

Meissner-Blau: Vielleicht sagen schwankende Grün-Wähler, wenn die Freda für den Fischer ist, dann bin ich's auch.

Standard: Wie wichtig wäre die erste Frau Bundespräsidentin?

Klestil: Sehr wichtig. Wir sind 52 Prozent der Bevölkerung. Da wäre es toll, eine kompetente Frau zu haben.

Meissner-Blau: Ich hätte gerne eine Frau gewählt. Aber Ferrero ist kein Vorbild. Deshalb stört mich, dass sie die Frauenkarte spielt, obwohl sie Frauen nicht fördert. Unter den 40 höchsten Außenamts- Chargen gibt es nur sieben Frauen, alle Sektionschefs sind Männer. Sie hat nie bewiesen, dass sie auf der Seite der Frauen steht.

Klestil: Das ist schwer. Als mein Mann ins Außenamt kam, waren drei Frauen in höheren Rängen. Alle drei sind ausgestiegen, wegen Heirat oder Kindern. Eine Frau im Außenamt müsste fast ein Keuschheitsgelübde ablegen. Immerhin sind es jetzt schon sieben Frauen.

Meissner-Blau: Sie könnte massenhaft Frauen befördern.

Standard: Was sagen Sie zur Kritik, dass Ferrero-Waldner keine Frauenpolitik macht?

Klestil: Frauen über 65 waren gewöhnt: Zuerst war der Vater der Chef, die Politiker waren alle Männer, dann war alles, was Chef hieß, ein Mann. Daher fühlen sich viele ältere Frauen bei einem Mann oft besser aufgehoben.

Meissner-Blau: Unterschätzen Sie Frauen nicht ein bisserl?

Klestil: Nein. Ältere Frauen machen im Großen und Ganzen, was die Männer wollen.

Meissner-Blau: Jössas! Ich bin ja auch eine alte Frau! Ich habe aber eine eigene Meinung.

Klestil: Ja, Sie. Aber für viele Frauen muss man eine Kandidatin präsentieren, die auch für Männer wählbar ist. Nicht Politikerinnen mit abgerissenem Pulli und einer lustigen Frisur. Mit Ferrero kann sich jede Frau anfreunden.

Meissner-Blau: Nein! Nein! Ich verstehe, dass Sie zu ihr neigen. Das Milieu liegt Ihnen. Aber mit dem Leben, mit den Kämpfen von Frauen, hat das wenig zu tun. Da ist Ferrero wie aus einer anderen Welt.

Klestil: Aber wie sollen sich Frauen über 65 mit einer alternativen Frau identifizieren?

Meissner-Blau: Ich bin alternativ. Und auch bürgerlicher Herkunft.

Klestil: Mit Ihnen würden sich auch ältere Frauen identifizieren. Aber eine junge, alternati 6. Spalte ve Frau, die ein bisserl eine andere Meinung hat, die verschreckt ältere Frauen.

Meissner-Blau: Eine Madeleine Petrovic zum Beispiel soll Frauen verschrecken?

Klestil: Gehen Sie aufs Land zu einer Frau, die 65 ist, die ihr ganzes Leben Haushalt und Kinder versorgt, für den Mann geschaut hat. Die kann sich nicht identifizieren mit einer jüngeren Frau – die ist doch zu radikal.

Standard: Nur eine Konservative hat bei Frauen Chancen?

Klestil: Es kommt auf das Äußere an. Denn die Arbeit im Parlament, die politische Arbeit – dafür interessieren sich viele Wählerinnen nicht.

Meissner-Blau: Also ich würde gerne eine junge, alternative Frau irgendwo vorne sehen.

Standard: Frau Klestil, Sie waren Designerin, wie werten Sie das Kandidatendesign?

Klestil: Sie sind konservativ.

Meissner-Blau: Fischer ist korrekt, Ferrero laut. Das ist alles so rosa, hellblau, golden.

Klestil: Aber da sind Sie dann viel konservativer?

Meissner-Blau: Finden Sie? Konservativ konjugiere ich mit Lodenmänteln.

Standard: Ist diese Präsidentenwahl die erste, bei der Sie eine Frau wählen?

Klestil: Nein. Mehr sage ich nicht, den Rest können Sie sich ausrechnen.

Standard: Ist Fischer der erste Mann, den Sie bei Präsidentenwahlen wählen?

Meissner-Blau: Nein. Wenn ich Gelegenheit hatte, habe ich immer Frauen gewählt. Aber oft gab es nur Männer. Ich habe einmal in Frankreich De Gaulle gewählt. Darüber staune ich noch heute. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11./12.4.2004)

Moderation: Eva Linsinger und Peter Mayr
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    Zur Person
    Edith Klestil, Jahrgang 1932, arbeitete als Modedesignerin, bis sie 1956 Thomas Klestil heiratete. Das Paar hat drei Kinder. 1992 wird Thomas Klestil Bundespräsident, 1994 kommt es zur Trennung, später zur Scheidung.

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    Freda Meissner-Blau, geb. 1927, lebte lange in Frankreich. In Österreich kämpfte sie gegen Hainburg, gründete die Grünen mit, kandidierte '86 bei der Präsidentenwahl, führte 1986 die Grünen ins Parlament. 1988 trat sie zurück.

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