"Mr. Rumsfeld, ich bin nicht überzeugt"

9. April 2004, 11:27
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Kommentar von Hans Rauscher

Besser als der renommierte britische Historiker und Publizist Timothy Garton Ash kann man das Dilemma jener nicht beschreiben, die zwar grundsätzlich dafür sind, dass "der Westen" seine Werte verteidigt, notfalls auch mit Gewalt, andererseits aber von der Weisheit des amerikanischen Vorgehens in der Irakfrage nicht überzeugt sind. Die Konklusionen von Ash, der die Befreiung Osteuropas vom Kommunismus publizistisch begleitete, wurden im gestrigen STANDARD abgedruckt: Einerseits hält er es für legitim, ja wünschenswert, den Irak zu befreien und damit in einer der düstersten Regionen der Erde einen Umschwung zum Besseren herbeizuführen, der auch Auswirkungen auf die umliegenden feudalen Despotien, Theokratien und Militärdiktaturen haben könnte. Andererseits befürchtet Ash zu Recht, dass das Vorgehen der Bush-Administration zu unüberlegt, zu krude und zu rücksichtslos auch gegenüber den eigenen Verbündeten ist, als dass die Sache gut gehen könnte.

Dass man die Zustände im arabischen Raum, in dem es nicht eine vom Volk legitimierte Regierung gibt, einfach hinnehmen muss, ist nicht gesagt. Im Gegenteil - wie Beispiele vor allem aus Osteuropa und Ostasien zeigen - kann man Diktatoren zum Wohl der betroffenen Völker sehr wohl durch Hilfe von außen stürzen. Der Kommunismus fiel zuerst in Polen - und zwar auch deswegen, weil Ronald Reagan und Johannes Paul II. in einer (abgesprochenen) Aktion die "Solidarnosz" unterstützten. Tai- wan, Thailand und Südkorea waren harte, rechte Militärdiktaturen; die USA entzogen ihnen aber vor zehn, fünfzehn Jahren die Unterstützung. Heute herrschen dort akzeptable politische Verhältnisse; in Südkorea überdies ein beträchtlicher Antiamerikanismus - trotz der Tatsache, dass es nur den USA und dem von ihnen als UN-Aktion geführten Krieg (50.000 tote Amerikaner) zu verdanken ist, dass in Südkorea nicht eine stalinistische Hölle herrscht wie in Nordkorea.

Die Motivation der Bush-Administration jenseits der wichtigen, aber nicht allein entscheidenden Öl-Frage ist zumindest nachvollziehbar: Die größte Bedrohung für den Westen kommt eindeutig aus dieser Region. Saddam Hussein selbst ist vielleicht kein Unterstützer eines islamistischen Terrorismus, aber er hat eindeutig großirakische Träume und immerhin Iran und Kuwait überfallen. Macht man ihn unschädlich und baut einen funktionierenden, halbwegs demokratischen Irak auf, in dem die kreative Kraft der Bevölkerung weder durch islamischen Fundamenatalismus, noch durch stalinistischen Terror gelähmt wird, so könnte das auf andere wirken - als Abschreckung für größenwahnsinnige Despoten und als Ermutigung für die Demokraten. Zeit wäre es, dass die Region aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit geholt wird.

Ein gewaltiges Projekt - und die Frage ist, ob die Administration Bush das alles wirklich durchdacht hat und, am wichtigsten, ob der Preis dafür in Form eines Krieges mit allen Folgen für die Bevölkerung nicht zu groß ist. In Afghanistan handelten die USA in einer akuten Notwehrsituation: Die Taliban boten Osama Bin Laden eine Operationsbasis, daher mussten sie weg. Im Irak ist diese Eindeutigkeit nicht gegeben.

"Entschuldigen Sie, Herr Minister, aber ich bin nicht überzeugt, und ich kann meiner Öffentlichkeit nicht sagen, das ist der Grund, warum wir in den Krieg ziehen sollen. Ich glaube nicht daran." Das rief Joschka Fischer in München US-Verteidigungsminister Rumsfeld zu. Das war, anders als die Machtspiele von Chirac und der Populismus von Schröder, eine ehrliche Aussage. Man kann sie unterschreiben. (DER STANDARD, Printausgabe, 11. Februar 2003)

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