Endlich die "Killer-Application" fürs Handy

20. April 2004, 12:23
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Lange Zeit hat die Industrie eine Anwendung gesucht, um den Umsatz anzukurbeln - jetzt beginnen Fotos am Handy abzuheben

Elektronische Geräte, vom PC bis zum Handy, sind stets auf der Suche nach einer "Killer-Application" - einer populären Anwendung, die Menschen massenhaft zu Kauf und Benutzung bringt.

Vorrangiges

Bei Handys war und bleibt Telefonieren der Hauptgrund, zum Mobiltelefon zu greifen. Dabei kann das Handy längst viel mehr - es ist, im Kern, eine Miniatur-PC mit Internetanschluss, nur dass sich die Datendienste von WAP und GPRS bis UMTS bisher nur schleppend an den Kunden bringen lassen. Es werde keine "Killer-Application" geben, war in den vergangenen Jahren das Mantra der Industrie - viele unterschiedliche Dinge, von SMS und E-Mail bis zum mobilen Internet, würde es anstelle der einen durchschlagenden Massenanwendung geben.

Killer

Aber jetzt hat die Mobilfunkindustrie doch noch ihre "Killer-Application" gefunden: Fotos am Handy, das zunehmend zum Fotoapparat mutiert. Dabei wirkte das erste Nokia-Handy mit integrierter Kamera zunächst nur wie ein teures, unnützes Spielzeug - wer will schon mit einem Handy ein Bild machen?

Die Frage hat sich inzwischen erledigt: Im vergangenen Jahr wurden bereits 84 Millionen Fotohandys verkauft, heuer sollen es doppelt so viele sein, 2006 bereits 380 Millionen, prognostiziert der US-Marktforscher Strategy Analytics. Und bis auf wenige Basismodelle können alle Handys, die derzeit am Markt sind, Bilder empfangen und weiterverschicken - Voraussetzung dafür, dass die Besitzer von Fotohandys diese auch richtig nutzen können.

Schätzungsweise

Die neuen Spielzeuge werden auch genutzt: Auf 29 Milliarden schätzt InfoTrends Research heuer die Zahl der Schnappschüsse. Damit die Fotos am Handy aber wirklich abheben können, vergleichbar mit dem Boom von SMS und E-Mail, braucht es weitere Voraussetzungen, die jetzt gegeben scheinen.

Bis vor kurzem steckte MMS, die Technologie zum Bildversand, in den Kinderschuhen. Wer im letzten Sommer versuchte, Urlaubsfotos zu verschicken, gab bald wieder auf: Netz- und grenzüberschreitendes MMS (Roaming) klappte nur im Ausnahmefall, MMS-Handys bei Empfängern waren noch rar, und selbst ihre Besitzer wussten oft nicht, dass sie ihre Telefonkarten für die Bildnachrichten freischalten und Einstellungen vornehmen mussten.

Erfüllte Vorraussetzungen

In diesem Frühjahr hat sich die Situation schlagartig geändert: Roaming funktioniert mit fast allen Netzen und Ländern, selbst in den USA (dessen Handytechnik Europäer traditionell vor Hürden stellte). Der gute Handyverkauf im vergangenen Jahr sorgte dafür, dass viele MMS-Handys für den Empfang im Umlauf sind, auch wenn noch immer viele ihre Geräte und Anschlüsse dafür nicht aktiviert haben. Skurrilerweise muss man sein Handy weiterhin für MMS meist freischalten lassen - auch wenn damit keine Kosten verbunden sind (nur für den tatsächlichen Versand).

Vor allem aber wird die Nutzung vielfältiger. Nicht nur das schnelle Bild, das mehr sagt als 1000 (SMS-)Worte, sondern eine ganze Wertschöpfungskette kommt rund um die Fotohandys in Gang: Möglichkeiten, die Bilder auf Papier zu bringen, im Internet herzuzeigen, oder auf einen elektronischen Bilderrahmen auf Omas Nachttisch zu beamen. (Helmut Spudich / DER STANDARD Printausgabe, 09.04.2004)

  • Artikelbild
    foto: siemens
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