Große Oper als Psychokammerspiel

14. April 2004, 13:47
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Ein konzertanter "Idomeneo" in Salzburg bei den Osterfestspielen

Salzburg - Das ewige Gerede um die mangelnde Aktualität des Idomeneo kann eingestellt werden: Mit der konzertanten Version der Mozart-Oper bei den Osterfestspielen in Salzburg zeigten die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle, dass die Oberfläche nur eine Projektionsfläche ist für Ängste, Hoffnungen und Obsessionen, die heute so aktuell sind wie zu Lebzeiten des Kreterkönigs oder seines musikalischen Biografen.

Geradezu psychoanalytisch ausgelotet wurden die "antiken" Figuren - und heraus kamen moderne Menschenbilder. Wie ein Kammerorchester, durchhörbar bis in feinste Verästelungen, musizierten die Berliner. Einzigartig das samtige Timbre der Bläser, vor allem der Hörner, etwa in der Einleitung zur Arie der Ilia am Beginn des zweiten Aktes. Rattle dirigierte mit Gespür für die Bedürfnisse der Sänger, und er machte mit dieser Zurückhaltung die Radikalität der Klangsprache hörbar.

Philip Langridge sang die Titelrolle und ging rücksichtslos an seine Grenzen. Dieser Idomeneo wurde nicht nur von Verzweiflung gebeutelt, weil er jetzt seinen Sohn opfern soll. Da ist vielmehr ein Machtmensch mit der Einsicht konfrontiert worden, dass er einfach einen Schritt zu weit gegangen ist. Anne Schwanewilms zeigte mit ihrer atemberaubenden Interpretation, dass in der Haut der eifersüchtigen Prinzessin Elettra eine liebesfähige, warmherzige Frau steckt, die von der Angst vor Zurückweisung gebrochen wird.

Wie spielerisch nahm die erwartungsvoll hoffende Elettra im zweiten Akt die Höhen ihrer exponierten Arie. Wie subtil kündigte sich der drohende Wahnsinn im ersten Akt an, wie dramatisch kam er im dritten zum Ausbruch.

Christiane Oelze überzeugte als Prinzessin Ilia mit Klarheit in allen Lagen. Wenn diese Ilia sich ihre Liebe zum "Feind" Idamante einzugestehen beginnt, wird das Große Festspielhaus zum intimen Hoftheater. Und Magdalena Kozená als Idamante: ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch! Ihre geballte Energie ist spürbar, sobald sie nur die Bühne betritt. Ihren atemberaubenden Pianissimi in der Höhe wohnt die gleiche Brillanz und Spannung inne wie den Ausbrüchen im Forte.

Ein ebenbürtiger Partner von Orchester und Solisten: der Chor "European Voices", einstudiert von Simon Halsey. Wenn dieser Chor etwa vom Sturm erzählt, dann spürt man auch hier unter der Dramatik an der Oberfläche, dass das Eigentliche unten am Seelengrund brodelt.
(DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2004)

Von
Heidemarie Klabacher
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