Für Richard Reichensperger

24. April 2004, 16:14
2 Postings

Teil 21 von Ilse Aichingers Artikelserie "Schattenspiele"

Schatten wechseln, streifen leicht vorbei, lindern, kühlen, aber ihre Möglichkeiten werden von dem bestimmt, der sie wirft. Und noch mehr ihre Spielregeln. Für den Schatten, der heute auf dem Spiel steht, waren die Regeln immer streng, und er vergab sich nichts, ließ sich nicht schleifen. Er sah sein Leben als Geschenk, vor allem "seine" Zeitung - wie er sie nannte -, und blieb doch in jeder seiner Welten für sich und sehr einsam, ohne jede Larmoyanz.

Lesen konnte er tage- und nächtelang, an seinem Tisch oder liegend auf dem Bretterboden, immer so vertieft und lautlos, als wäre er schon fort. Er las jedes Wort, und er las sehr rasch. Einmal war er Julien Green nachgefahren, ohne ihn anzusprechen. Vor kurzem bei diesen Lektüren befragt, weshalb er sie nicht verschieben und sich dabei weniger hetzen und anstrengen könne, bemerkte er, man wüsste nie, von wem, wie rasch und für wie lange man unterbrochen würde. Er las Julien Green, Pascal, John Donne, Kant, Habermas, sprang danach auf, lief hinunter und blieb für Stunden weg.

Joseph Brodsky, der Stern Richard Reichenspergers, den er in Wien ein einziges Mal traf, war kein Mann der Marine. Er aber liebt das offene Meer und hat nicht die geringste Beziehung zu den tiefen, von steilen Wänden eingeengten Tälern des Salzburger Landes. Auch ich lebte fast zwanzig Jahre lang im Land Salzburg. Und nicht nur ich entdeckte, dass ein heimliches Wissen durch dieses Land geht, durch die Bewegtheit seiner Landschaft, die Helligkeit und Tiefe dicht beieinander hält, Verhülltheit und Offenheit, verzehrendes Grau und verzehrendes Grün. Aber seine Stadt bleibt Wien.

"Mischen's Ihna lieber in Ihna selber ein", rät Johann Nestroy. Aber selbst das unterlässt er. Keine Einmischungen, keine Dazugehörigkeiten, am wenigsten zu solchen, an denen ihm liegt. Sein Blick ist präzise auf Auswege für Ausweglose gerichtet. Er hatte große Helfer an diesen "Ufern der Verlorenen" (Joseph Brodsky), wo Schmerz und Vernunft untrennbar sind, wo das Fundament beweglich fest, einsturzgefährdet und stabil ist.

Es war eine ruhige Invasion", schreibt Brodsky von dem Nebel, der die Piazza überwältigt. "Wasser bietet der Schönheit ihr Double." Und vom Nebel an der Lagune, dass er "silently, and very fast" sei. Das wiederum wollte er und das definiert ihn zugleich mit Brodsky und dem Nebel am Ufer der Verlorenen.

"Es leuchtet über dir kein Stern, / das Nebelhorn nur wirst du hören, / das Rettung dir verheißt."

Richard Reichensperger nimmt das Leben als Geschenk. Uns bleibt die Hoffnung, dass das Geschenk seines Lebens an uns nicht verloren ist.

Richard Reichensperger, Mitglied der Kultur-Redaktion des STANDARD, lag zum Zeitpunkt des Erscheinens nach einem schweren Unfall im Krankenhaus. Am 22.4. ist Reichensperger an den Unfallfolgen gestorben.
(DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2004)
Share if you care.