Ein Montaigne unserer Zeit

16. April 2004, 21:09
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Ludwig Hohl, einer der wichtigsten Autoren der Schweizer Literatur, wäre am 9. April 100 Jahre alt

Am 9. April vor 100 Jahren wurde Ludwig Hohl im Kanton Glarus geboren. Porträt eines der wichtigsten Autoren der Schweizer Literatur im zwanzigsten Jahrhundert.


Bern/Zürich - Zu der Matinee, die das Zürcher Schauspielhaus vor zwanzig Jahren zu seinem 80. Geburtstag organisierte, waren sie alle gekommen: Max Frisch, Martin Walser, Peter Bichsel, Adolf Muschg und auch Peter Handke lasen aus den Werken des Jubilars. Nur war dieser schon mehr als drei Jahre tot. Sein Name: Ludwig Hohl. Die Zürcher Veranstaltung war eine späte Hommage an einen Schriftsteller des Absoluten, der in vielem zu früh war: früh ausgezogen, das Fürchten zu lernen, früh vollendet, früh verstummt, der schrieb wie niemand sonst und das Ungeheure wagte, nämlich in der Wahrheit zu leben.

Hohls Bücher handeln vom Endgültigen oder ewig Gültigen. "Richtig", "falsch", "zu viel", "zu wenig" heißen die Kategorien, um die es sich bei diesem Moralisten dreht, und zwar in einer Radikalität, die Thomas Bernhard als konsensversessenen Menschenfreund erscheinen lässt.

Mehr als fünfzig Jahre lebte Hohl, der aus wohlhabendem Haus stammte, unter der Armutsgrenze, 37 davon in einer Genfer Kellerwohnung, wo er, obwohl der Erfolg ausblieb und zuweilen kein Geld für Papier vorhanden war, seiner Berufung, der Schriftstellerei, nachging. Das brachte ihm einerseits die Bewunderung vieler Kollegen, andererseits den Ruf eines verschrobenen Außenseiters ein. Dem Feuilleton galt er lange als "verkanntes Genie". Zugelaufene Katzen würden Hohl Gesellschaft leisten, so hieß es, während er im Zimmer gefährliche Schießübungen mache. Er verfüge über geradezu fantastische körperliche Kräfte, "wie ein Stier, wie ein Bär, wie ein Pferd; die meisten sagen: wie ein Löwe", und er sei imstande, von einem Ende des Genfer Sees zum anderen und zurück zu schwimmen.

Früh haben sich Freunde gegen die wolkigen Zelebrationen des Hohl-Mythos gewandt. Peter Bichsel schrieb: "Hohl ist nicht einer, über den es viel zu sagen gibt, sondern einer, der etwas zu sagen hat", und Friedrich Dürrenmatt, Hohls Freund und Geldgeber: "Hohl ist ein Denker, wir anderen, fassen wir das Denken genau, sind es nicht, wir weichen dem genauen Denken ins Gleichnis aus. Hohl ist notwendig, wir sind zufällig. Wir dokumentieren das Menschliche, Hohl legt es fest."

Geändert haben diese Einwände wenig. Hohl ist, auch nachdem er ab 1971 beim Suhrkamp-Verlag verlegt wurde, ein Autor mit einem schmalen Werk und wenigen Lesern geblieben. Im Ganzen wurden von ihm zehn Werke veröffentlicht, fünf zu Lebzeiten, fünf posthum, das meiste davon wurde vor 1950 geschrieben, von da weg schliff, polierte und sortierte Hohl unermüdlich seine Texte, die er an einer Wäscheleine aufzuhängen pflegte.

Begonnen hat alles in Nestal im Kanton Glarus, wo Hohl heute vor hundert Jahren als Sohn eines protestantischen Pfarrers geboren wurde. Am Horizont seiner Kindheit segelten drei große Schiffe: Tödi, Glärnisch, Mürtschenstock, jedes ein Dreimaster mit drei Gipfeln. Drei Berge, die Hohl immer wieder bestiegen hat. Der Glärnisch begleitete Hohl, der es strikt ablehnte, Schweizer Mundart zu reden, ein Leben lang. In seinem Keller in Genf hing bis zuletzt ein Bild des Glärnisch.

Hohls bekannteste Erzählung, Bergfahrt, die er 1926 schrieb und die 1975 zum ersten Mal erschien, ist einerseits eine Verneigung vor dieser Gebirgskette, andererseits eine Parabel vom Aufbruch und der Aussichtslosigkeit, jemals das Ziel zu erreichen. Am Ende wartet nicht der Gipfel, sondern der Tod.

Die Notizen

Mit dem Tod - der erste Satz lautet: "Der Mensch lebt nur kurze Zeit" - beginnt auch Hohls Hauptwerk Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung, das zwischen 1934 und 1936 in den Niederlanden entstand. Hohl wurde mit siebzehn vom Gymnasium gewiesen, verließ das Elternhaus und sah seine Eltern nie mehr. Mit zwanzig zog der Autodidakt nach Paris, um Schriftsteller zu werden. 1930/31 hielt er sich in Wien auf, hier lernte er auch die erste seiner fünf Frauen, Charlotte von Mayenburg, kennen. Anschließend übersiedelte er nach Den Haag, wo er als 32-Jähriger das 1000-seitige Monumentalwerk der Notizen beendete, das ihm später, er war 1937 nach Genf gezogen, den Ruf eines "Montaigne unserer Zeit" einbrachte.

Zwar hatte er vorher zwei Dutzend Erzählungen geschrieben, hier aber fand er zu der fragmentarischen Form der Notizen, prägnanten Betrachtungen, kurzen Beschreibungen, die ihm die größte sprachliche Knappheit und Präzision zu versprechen schien. Im Zentrum der Notizen steht der Begriff der Arbeit. Arbeit im Sinne von eigenem, nicht entfremdeten Tun. Ansporn ist der Tod. Die schöpferische Arbeit negiert ihn, sie allein verhindert das tödliche Verharren, das absolute Scheitern.

Es gibt kein Entrinnen aus dieser Welt, und am wenigsten gelingt die Flucht vor uns selbst. Der Berg, das Schreiben, das Lesen können uns keine Antworten geben, nur Fragen stellen. Hohl war es ernst, er hat um alles geschrieben und um alles gelebt, man nennt das auch Präsenz.

Misslingendes Leben

Ein Freund sagte einmal, jedes Weltbild misslingt, wie jedes Leben misslingt. Hohl hat darum gewusst: "Wenn du nicht zaubern kannst - nein, dann bist du wirklich nichts, dann ist nichts zu hoffen." Trotzdem handelt sein Werk nicht vom Scheitern, sondern von Passion, Körperlichkeit, dem Rascheln des Laubes, vom Augenblick, von der Wahrheit im Einzelnen und der Hoffnung im Ganzen. Das hat, ja, man muss es so sagen, auch etwas Tröstliches, oder wie es Dürrenmatt ausdrückte: "Andere haben ihre Mätressen. Und ich habe Hohl." (DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2004)

Von Stefan Gmünder

Tipps

Die Schweizerische Landesbibliothek in Bern zeigt die Ausstellung "Ludwig Hohl, Alles ist Werk" bis zum 15. Mai.

Werke von Ludwig Hohl im Suhrkamp Verlag:

- Bergfahrt. Erzählung

- Jugendtagebuch

- Die Notizen oder von der unvoreiligen Versöhnung

- Von den hereinbrechenden Rändern. Nachnotizen

- Mut und Wahl. Aufsätze zur Literatur

- Aus der Tiefsee. Paris 1926

Die Schweizer Literaturzeitschrift "drehpunkt" widmet Ludwig Hohl ein Sonderheft.

  • "Hohl ist ein Denker, wir anderen weichen dem genauen Denken ins Gleichnis aus. Hohl ist notwendig, wir sind zufällig", sagte Friedrich Dürrenmatt über den Schweizer Schriftsteller Ludwig Hohl, der   vor hundert Jahren geboren wurde.
    foto: schweizerische landesbibliothek

    "Hohl ist ein Denker, wir anderen weichen dem genauen Denken ins Gleichnis aus. Hohl ist notwendig, wir sind zufällig", sagte Friedrich Dürrenmatt über den Schweizer Schriftsteller Ludwig Hohl, der vor hundert Jahren geboren wurde.

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