Opernhimmel voller Kooperationen

16. April 2004, 21:15
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Gerard Mortier im Interview über seine Paris-Pläne, Skandale, Kartenpreise und das Theater an der Wien

Gerard Mortier wird ab Herbst 2004 für fünf Jahre Chef der beiden Pariser Staatsopernhäuser, des Palais Garnier und der Opéra Bastille. Olga Grimm Weissert sprach mit ihm über Pläne, Skandale, Kartenpreise und das Theater an der Wien.


STANDARD: Ist es eigentlich leichter, Ihre perönlichen Vorlieben und Ihre Risikobereitschaft als Operndirektor oder eher als Festivalleiter zu vermitteln?

Mortier: Ich konnte die Salzburger Festspiele nur leiten, weil ich davor Theaterpraxis erworben hatte - genauso wie Karajan, der auch ein guter Theaterdirektor war. Paris ist die Summe meiner drei Erfahrungen als Theaterleiter in Brüssel, Festspielleiter in Salzburg und der Ruhrfestspiele. Ich setze die Notwendigkeit von höchster Qualität für Paris voraus, wie bei konstanten Festspielen. Paris muss - neben der Metropolitan Opera in New York - mit Salzburg und Bayreuth konkurrieren können.

Deshalb verzichte ich auch auf einen musikalischen Direktor, arbeite aber eng mit Dirigenten wie Sylvain Cambreling, Christoph von Dohnanyi, Valery Gergiev, Wladimir Jurowski, Mark Minkowski, Kent Nagano und Esa-Pekka Salonen zusammen. Sie sind gute Analytiker, was mir wichtig ist. Sie werden mehr als die Hälfte des Jahresprogramms dirigieren, den Rest übernehmen weitere Stardirigenten. Wir werden auch neue Opernwege gehen und das Publikum mit Experimenten wie Simon McBurney und Alain Platel konfrontieren.

STANDARD: Hugues Gall meinte, Sie wären die beste Garantie gegen Routine.

Mortier: Mein Programm wird vielleicht experimentell für Paris sein, aber nicht für mich. Die Hälfte der ersten Saison ist "the best of Mortier". Ich zeige in dieser ersten Pariser Saison Opern, die ich unter Kontrolle habe. Solange ich das Haus nicht genau kenne, bin ich vorsichtig. Obwohl man mir immer nachsagt, ich wäre provokant - oder ich hielte mich für einen Regisseur. Das einzige Mal, als ich eine gewisse österreichische Partei provozieren wollte, nämlich mit der Inszenierung der Fledermaus, war mir das Resultat nicht provokant genug.

STANDARD: Sie haben die Kartenpreise, die bisher im Bereich von sechs bis 114 Euro lagen, jetzt auf sieben bis 160 Euro angehoben.

Mortier: Wir werden - bei Subventionen von rund 100 Millionen Euro und einem Gesamtbudget von rund 155 Millionen Euro - mehr Ausgaben für Dirigenten und Sänger haben. Paris bleibt aber die billigste Oper Europas. Und man kann die Platzpreise nur einmal erhöhen - am besten, wenn man antritt. Ab 2005/06 werde ich 80 Stehplätze zur Verfügung stellen - wie an der Wiener Staatsoper.

STANDARD: Apropos Wien: Wie sieht denn Ihr Verhältnis zu Staatsoperndirektor Ioan Holender derzeit aus?

Mortier: Wir hatten uns ein bisschen gestritten, aber das ist nicht schlimm. Im Allgemeinen komme ich gut mit ihm zurecht, denn wir haben ein gutes persönliches Verhältnis - und das trotz unterschiedlicher Meinungen. Er hat vieles aus Salzburg übernommen, was ich dort eingeführt habe.

STANDARD: Wie sieht die Zusammenarbeit mit dem Festival von Aix-en-Provence und Stéphane Lissner aus?

Mortier: Hervorragend! Wir machen einige Koproduktionen, die ich entwickle, die dann fix und fertig zu Lissner kommen. Einige gehen dann auch nach Wien.

STANDARD: Das heißt, dass Sie ein Veranstalter-Dreieck zwischen Wien, Aix und Paris entwickeln?

Mortier: Für Così fan tutte auf alle Fälle - und für Herkules auch. Ich koproduziere auch mit Dirigent Ricardo Muti und seiner Mailänder Scala - überlasse ihm jedoch die Ankündigung - und mit Madrid. Wobei ich betone, dass mir das "jus primae noctis" eigentlich ziemlich egal ist.

STANDARD: Was planen Sie eigentlich in Paris für das Mozartjahr 2006?

Mortier: Die drei Da-Ponte-Opern im Palais Garnier. Così fan tutte in der Inszenierung von Chéreau, Figaro mit Christoph Marthaler aus Salzburg, Don Giovanni macht Klaus- Michael Grüber als Regisseur. Wir werden auch - zur Eröffnung des Mozartjahres - in der wunderbaren, kleinen Oper in Versailles einige Vorstellungen geben.

Ansonsten plane ich eine Ausstellung mit dem Titel "Mozart in Paris", wo zwei einschneidende Ereignisse stattfanden: der Tod der Mutter und die Entdeckung der Enzyklopädisten. Dank der Aufklärung gelang Mozart der Weggang aus Salzburg, was wohl geistig sehr wichtig für ihn war.

STANDARD: Was halten Sie von der Neubestimmung des Theaters an der Wien?

Mortier: Zum Inhalt kann ich eigentlich nichts sagen, weil mir eine genaue Definition davon fehlt, was man da zu machen gedenkt. Dass dort nicht mehr Musical gebracht wird, das finde ich gut. Aber es wäre gefährlich, wenn Prêt-à-porter gezeigt würde, wo nur Haute Couture benötigt wird. Ich habe den Verdacht, dass das Programm eher touristisch sein wird. Wie heißt der Verantwortliche noch einmal?

STANDARD: Es ist jemand, der international nicht bekannt ist, was vielleicht insgesamt ein Nachteil ist.

Mortier: Ich würde ihm eine Zusammenarbeit mit dem Fenice empfehlen. Ich würde durchaus auch gerne mit dem Theater an der Wien zusammenarbeiten wollen. Ich denke, die Inszenierung von Pina Bausch von Glucks Orpheus und Eurydike, die am 30. Mai 2005 im Palais Garnier Premiere hat, würde sich dafür gut eignen.

STANDARD: Sie sagten kürzlich, dass Sie es besser fänden, wenn Peter Ruzicka nach seinem ersten Mandat bei den Salzburger Festspielen aufhört. Wie kommentieren Sie jetzt seine Entscheidung, tatsächlich seinen Vertrag nicht mehr zu verlängern?

Mortier: Ich möchte mich nicht weiters äußern, ich habe ja bereits genug zu dem Thema gesagt. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2004)

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    Gerard Mortier

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