Inkompetente Ideologen

9. April 2004, 17:54
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Die Regierung Bush wird sich (und uns) nicht mehr aus dem irakischen Chaos retten können - Kolumne von Hans Rauscher

Die Regierung Bush wird sich (und uns) nicht mehr aus dem irakischen Chaos retten können. Dafür sind diese Leute zu arrogant und zu dumm. Oder sagen wir: zu ideologisch verbohrt. Und zu inkompetent. Es spricht sehr viel für die Theorie, dass die USA‑ (und die gesamte demokratische Welt) einer fundamentalen Herausforderung durch den islamischen Totalitarismus gegenüberstehen; es spricht auch viel für die Erkenntnis, dass man bei der Notwehr gegen diese Gefahr vermutlich auch zu militärischen Mitteln greifen, ja in anderen Ländern (wie Afghanistan) einmarschieren muss; es lässt sich sogar noch argumentieren, dass man in einem Staat wie dem Irak versuchen könnte, ein halbwegs demokratisches und erfolgreiches Modell für die durchwegs repressiven und rückständigen arabischen Regime zu errichten.

Nur: Die inkompetenten Ideologen in der Führung der USA haben all das auf schreckliche Weise vertan. Nicht eine einzige Voraussetzung für den Irakkrieg hat sich als richtig herausgestellt: Die Massenvernichtungswaffen existierten seit 1995 nicht mehr; Saddam Husseins Regime stellte keine Bedrohung für seine Nachbarn dar (wie noch 1991 für Kuwait); es bestand keine Verbindung zum Terrorismus und zu Al-Kaida; stattdessen erlebt der Terrorismus einheimischer und internationaler Herkunft jetzt eine Hochblüte in dem befreiten Land; die Iraker, und insbesondere die Schiiten, begrüßten die Befreier nicht mit Blumen, sondern verhielten sich zunächst indifferent, dann offen feindselig; es gelang zwar den Krieg mit einer bewusst klein angesetzten kleinen Militärstreitmacht (130.000) zu gewinnen, aber der Friede wurde von Stunde null an verloren, als Bagdad und andere Städte unter den Augen der US- Soldaten von Plünderern, Räubern und Mördern übernommen wurden; der Wiederaufbau ging viel zu langsam voran, u.a. wegen der arroganten Weigerung der Bush-Ideologen, die UN und andere Verbündete mit Erfahrung im "nation building" heranzuziehen. Die Rolle der Religion wurde total unterschätzt – ausgerechnet von einer Regierung, deren Chef ein Erweckungserlebnis hinter sich hat und die von fundamentalistischen Christen durchsetzt ist. Auf diesem Raum kann diese einmalige Kombination von radikalkonservativer Selbstgerechtigkeit und krimineller Ignoranz nicht auf ihre Ursachen untersucht werden. Angemerkt sei nur, dass diese Leute selbstverständlich extreme Machtpolitiker sind, aber mehr Ideologen als Zyniker. Soll heißen, sie haben das meiste geglaubt, was sie über den Terror, den Irak und die Welt im Allgemeinen an Unsinn erzählen. Nicht das Öl ist das zentrale Motiv, wie die einfach gestrickte Verschwörungstheorie lautet, sondern eine falsche Weltsicht.

Das Problem dabei ist, dass die Ideologen im Unterschied etwa zur Clinton-Administration über den Willen und die Handlungsbereitschaft verfügen, diese Weltsicht auch durchzusetzen. Zumindest im Irak. Weitere Abenteuer (etwa gegen Syrien, den Iran oder Nordkorea) verbieten sich wegen des Fiaskos im Irak.

Der günstigste Fall wäre, dass dieser Regierung noch eine Stabilisierung des Irak gelingt und sie trotzdem im November abgewählt wird. Wahrscheinlicher ist immer noch, dass die Amerikaner zu ihrem "Kriegspräsidenten" stehen, selbst wenn er die Nation in eine Katastrophe geführt hat. Dann ruhen die Hoffnungen der USA und Europas auf der kühnen Annahme, dass die Administration Bush lernfähig ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2004)

Kommentar
zum Thema

Hans Rauscher: "Mr. Rumsfeld, ich bin nicht überzeugt" – Da etliche Poster behaupten, ich hätte meine Meinung über den Irak-Krieg binnen eines Jahres geändert, hier ein Link zu einem Kommentar, der am 11. Februar 2003 erschienen ist.

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