Puskas war einmal, Baumgartner ist

9. April 2004, 10:22
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Die Ungarn sind verrückt nach Motorsport - Mit den Talenten hapert es allerdings - Die Geschichte des ersten ungarischen F1-Piloten

Budapest - Ungarn braucht Sportstars. Dringend. Dass das Donauland Triumphe auf diesem Terrain schon zu lange entbehrt, zeigte sich an den Reaktionen auf jenes Stück Sportgeschichte, das der Rennfahrer Zsolt Baumgartner im vorigen Sommer geschrieben hat.

In einer Reihe mit den Größen des Landes

Der 23-Jährige ist der erste Formel-1-Fahrer Ungarns, ja sogar ganz Osteuropas, seit er beim Hungaroring-Rennen 2003 als Ersatzmann im Jordan-Team mitfahren durfte. Das Volk stürmte damals die Ränge, die Medien jubelten. Mittlerweile fährt Baumgartner für Minardi, WM-Punkt konnte er allerdings noch keinen einzigen verbuchen - vorerst bleibt er ein talentierter Lokalmatador. Die liberale Tageszeitung Magyar Hirlap stellte den Rennfahrer jüngst in eine Reihe mit Lajos Kossuth, dem Revolutionär von 1848 und mit der "arany csapat" (so wird jenes von Ferenc Puskas angeführte "goldene Team" genannt, das den Ungarn 1953 mit einem 6:3 über England den größten Triumph im Fußball bescherte). Baumgartners Platzierung in dieser Ehrengalerie war allerdings eher ironisch gemeint.

Das misslungene Debüt

"Der Rennfahrer gehört zu jenen Ungarn, die zwar ihrem Land etwas Gutes tun wollen, aber dazu erst einmal selbst Hilfe aus der Heimat brauchen", hieß es in dem Artikel. Tatsächlich bietet Baumgartners Weg in die Formel 1 kaum Stoff für ein Heldenepos. Bis zu seinem Auftritt am Hungaroring nur Fünfter in der Formel 3000, durfte er bei Jordan als Ersatz für den Briten Ralph Firman losdüsen, der beim Training in einen Stapel Autoreifen gerast war. Auf der Piste hatte Baumgartner dann auch noch Pech - wegen eines Motorschadens musste er in der 35. Runde aufgeben.

Ein Aufschrei in der Öffentlichkeit

Vor dieser Saison stellte sich für den jungen Mann das Problem aller Anfänger in der Formel 1: Es haperte am lieben Geld. Baumgartner wandte sich an Minardi, den kleinsten und schwächsten Formel-1-Rennstall, der nur acht Millionen Dollar für einen Platz im Cockpit verlangte. Zwar hatten sich einige große ungarische Firmen als Sponsoren angeboten, aber selbst das reichte nicht. Die Lösung: Nach dem Prinzip "Zu wenig privat, also mehr Staat" bot der ungarische Staat Hilfe in Millionenhöhe an - in Form eines Darlehens, das über eine Firma abgewickelt werden sollte, die zur Hälfte dem Staat und zur Hälfte dem Vater des Rennfahrers gehören sollte. Der besitzt im Land eine Autohandelskette. Die Folge: Ein Aufschrei in der Öffentlichkeit. Zoltán Molnár, Geschäftsführer des Nationalen Olympischen Komitees, und Sportverbandschef János Berényi verurteilten den Deal einmütig als "verstecktes Sponsoring".

Image-Politur

Dass die Regierung nahezu zeitgleich drastische Sparmaßnahmen verkündet hatte, half auch nicht unbedingt. Baumgartner rettete sein Image, verzichtete auf die Subvention und darf seitdem trotzdem in der Formel 1 mitfahren. Sein Management einigte sich mit Minardi darauf, dass er die Gebühren später in Raten zahlt. "Ich traue mir einiges zu", sagt er, "aber ob ich mit den ersten zehn mithalten kann, weiß ich nicht." (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 9. April 2004, Kathrin Lauer)

Bis 1. Mai betrachtet der Standard-Sport in loser Folge die Beitrittsländer aus einem speziellen Blickwinkel.

Koordination: Klaus Stimeder

UNGARN

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Größe/Einwohner
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93.030 qm²
10,11 Millionen
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Populärste Sportarten
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Fußball, Wasserball, Fechten, Kajak, Ringen, Schwimmen. Seit der Wende haben sich vor allem Joggen und Aerobic als Breitensportarten durchgesetzt.
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Populärste Sportler
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Ferenc Puskas (Fußball), András Balczó (Moderner Fünfkampf), Kriszta Egerszegyi (Schwimmen)
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Größte Erfolge
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Ungarn hat nach Angaben des Nationalen Olympischen Komitees bei Olympischen Spielen seit 1950 insgesamt 149 mal Gold gewonnen (was eine ungleich höhere Anzahl an Medaillen bedeutet, da in dieser Statistik auch Mannschafts-Siege eingeschlossen sind).
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Die Höhepunkte
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Bei Olympia 1952 in Helsinki errang Ungarn 16 Goldmedaillen, unter anderem im Fußball und im Wasserball, und lag damit auf Platz 3 aller teilnehmenden Nationen. 1953 siegte die ungarische Fußballnationalelf ("arany csapat" - goldene Mannschaft) über die bis dahin zu Hause ungeschlagene Mannschaft Englands im Wembley-Stadion. 1954 kam man bei der Fußball-WM in der Schweiz ins Finale, in Bern verlor man als haushoher Favorit gegen Deutschland 2:3.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Heuer erstmals über die gesamte Saison in einem Formel-1-Boliden: Der Ungar Zsolt Baumgartner.

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