Hungerstreik für die Begnadigung von Adriano Sofri

9. April 2004, 10:55
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Panellas Arzt: "Sein Leben hängt am seidenen Faden" – Präsident Ciampi im Konflikt mit Justizminister Castelli

Der Appell der Ärzte, seinen Hungerstreik abzubrechen, lässt ihn ungerührt. Marco Pannella, der Altmeister des zivilen Ungehorsams, ist mit Protestaktionen dieser Art bestens vertraut. Seit sechs Tagen befindet sich der Gründer der Radikalen Partei im Hungerstreik, seit vier nimmt er keine Flüssigkeit mehr zu sich. Der Herzchirurg Bino Marino sorgt sich um die Gesundheit des 73-jährigen Kettenrauchers: "Sein Leben ist akut bedroht", versichert der Arzt. Mit seinem Hungerstreik will Pannella die Begnadigung von Adriano Sofri durchsetzen, der seit sieben Jahren eine Haftstrafe im Gefängnis von Pisa verbüßt.

Nach 15 Prozessen war der ehemalige Chef der linksextremen Bewegung Lotta continua zu 22 Jahren Haft verurteilt worden. Die Richter hatten sich auf die widersprüchlichen Aussagen eines Kronzeugen gestützt, der Sofri beschuldigte, 1972 die Ermordung eines Polizisten angeordnet zu haben. Einer seiner Mitangeklagten setzte sich nach Frankreich ab, der andere wurde wegen einer schweren Krankheit aus der Haft entlassen.

Sofri, der stets seine Unschuld beteuerte und sich weigerte, ein Gnadengesuch zu stellen, ist inzwischen ein gefragter Kolumnist, hat mehrere Bücher publiziert, seine Beiträge zur politischen Diskussion sind aus Italien kaum wegzudenken. Seine Begnadigung wird von Politikern, Künstlern und Persönlichkeiten aller Lager unterstützt – von Literatur-Nobelpreisträger Dario Fo bis zu Kardinal Achille Silvestrini.

Staatspräsident Carlo D'Azeglio Ciampi hat mehrmals seine Bereitschaft bekundet, den 62-jährigen Häftling zu begnadigen. Doch das entsprechende Dekret muss vom Justizminister gegengezeichnet werden, und der legt sich quer. Roberto Castelli von der Lega Nord hat in gewohnt rüder Art klargestellt, dass er nicht an eine Unterzeichnung denke. Mit einem Alleingang würde Ciampi einen Verfassungskonflikt heraufbeschwören. Ein Gesetzesentwurf, der dem Staatspräsidenten das alleinige Begnadigungsrecht einräumen sollte, scheiterte trotz Zusicherungen von Premier Berlusconi an Gegenstimmen der Forza Italia.

Ciampi hat den Justizminister um Übersendung der Akte Sofri gebeten. Er werde "bis zum Ende gehen", versicherte er Mittwoch und ersuchte Pannella, seinen Hungerstreik abzubrechen. Der ließ Ciampi ausrichten, er werde "bis zum Ende durchhalten". (DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2004)

Von
Gerhard Mumelter aus Rom
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    Seine Begnadigung will Panella durch den Hungerstreik erreichen: Adriano Sofri

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