Der Fußball spielte zwei Tage verrückt

20. April 2004, 15:04
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La Coruna mit CL-Rekord ins Semifinale - Höchste EC-Niederlage für Milan seit 59/60 - Porto stand als einziger der Sieger schon mal im Finale

La Coruna/Lyon - In der Endphase der Champions League-Ausgabe 2003/04 wurden die Favoriten gleich reihenweise verabschiedet. Nach Real Madrid und Arsenal am Dienstag erwischte es 24 Stunden später völlig überraschend auch den Cupholder. Der AC Milan ging in La Coruna trotz des 4:1-Guthabens aus dem Heimspiel gegen Deportivo sang- und klanglos 0:4 unter und flog im hohen Bogen schon im Viertelfinale aus dem Millionen-Geschäft.

Der große Traum der Rossoneri vom siebenten Streich in der Königsklasse, mit dem sie als erster Verein seit 1990 die wertvollste Klubtrophäe Europas zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren hätten holen können, zerplatzte wie eine Seifenblase. Dem portugiesischen UEFA-Cup-Gewinner 2003 genügte hingegen dank des 2:0-Vorsprung in Lyon gegen Olympique ein 2:2 zum Aufstieg. Wer die nunmehrigen Semifinal-Paarungen AS Monaco - FC Chelsea und FC Porto - La Coruna vorhergesagt hätte, wäre ohne Zweifel reich geworden.

Schon zur Pause war Deportivo weiter

An diesem Mittwoch schrieb Deportivo Europacup-Schlagzeilen und einen neuen Rekord ins Buch der Champions League. In der elfjährigen Geschichte hat noch nie ein Klub ein Drei-Tore-Defizit aus dem Hinspiel in der Retourpartie in ein Guthaben umgewandelt. Die Galizier, die in ihrer Gruppe in Monaco ein 3:8-Debakel erlitten, aber daheim alle ihre Spiele ohne Gegentor gewonnen haben, waren durch die rasche 3:0-Führung theoretisch schon zur Pause als Aufsteiger festgestanden und machten dann das Milan-Debakel nach dem Wechsel mit ihrem vierten Treffer perfekt.

Unter den rund 30.000 begeisterten Besuchern wurden Erinnerungen an eine ähnliche Aufholjagd wach. Vor drei Jahren waren die Blau-Weißen daheim gegen Paris SG nach 55 Minuten ebenfalls scheinbar hoffnungslos 0:3 zurückgelegen, siegten aber noch 4:3 und zogen ins Champions League-Viertelfinale ein. Damals wie Mittwoch avancierte Walter Pandiani zum Mann, der die Wende einleitete. Im März 2001 gelang dem eingewechselten Argentinier gegen die Franzosen ein lupenreiner Hattrick, diesmal das erhoffte schnelle Tor in der fünften Minute.

Der Südamerikaner hatte vor zwei Wochen beim 1:4 in San Siro schon das wichtige Ehrentor der Spanier erzielt. "Alles verlief exakt so wie ich mir es erträumt habe. Wir spielten eine sensationelle erste Hälfte. Dieser Sieg zeigt, dass doch noch Wunder geschehen", brachte Deportivo-Trainer Javier Irureta sein unglaubliches Erfolgsgeheimnis auf den Punkt. Er versprach, auf Knien zum Grab des Heiligen Jakob in der Kathedrale der galizischen Hauptstadt Santiago de Compostella, eine der wichtigsten Pilgerstätten der Welt, zu kriechen.

Erklärungsnotstand bei Milan

Herrschte auf der einen Seite unbeschreiblicher Jubel, standen die Azzurri, die mit Milan, Juve und Inter vor einem Jahr noch drei Semifinalisten gestellt hatten, fassungslos daneben und grübelten nach den Gründen des Debakels, der höchsten Europacup-Niederlagen nach dem 1:5 gegen Barcelona 1959/60. "Das, was heute geschah, hätten wir niemals erwartet. Das ist eine wirklich sehr bittere Niederlage für uns, die wir in Ruhe analysieren müssen", meinte der gezeichnete Milan-Coach Carlo Ancelotti. Auch er fand ad hoc keine Erklärung für die desaströse Nacht von La Coruna, wo im Vorjahr Milan mit einem 4:0 zum späteren Titel gestartet war.

Chelsea Favorit bei den Buchmachern

Nach den unerwarteten Resultaten der Viertelfinale-Rückspiele reagierten die Buchmacher mit der Veröffentlichung ihrer neuesten Odds. Als Favorit auf die Nachfolge des AC Milan wird nun Chelsea vor La Coruna und Porto eingestuft. Die Portugiesen sind übrigens die Einzigen aus dem Semifinal-Quartett, die schon ein Mal im Endspiel der Königsklasse standen. Und zwar 1987 gewannen sie in Wien gegen Bayern München durch das legendäre Fersler-Tor Rabah Madjers 2:1.

Der FC Porto kann als erster Verein seit dem FC Liverpool (1976/77) binnen eines Jahres nach dem UEFA- auch den Meister-Cup gewinnen. Die Portugiesen besitzen sogar noch die Chance auf das Triple (Liga, Cup und Champions League) und Jose Mourinho frohlockt: "Der Einzug ins Halbfinale zeigt, dass wir eine der besten Mannschaften Europas sind." (APA/Reuters/dpa)

  • So etwas haben die Fans von La Coruna selten erlebt.

    So etwas haben die Fans von La Coruna selten erlebt.

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