Ex-Ermittler gegen Einzeltäter-Hypothese

8. April 2004, 21:00
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Nachforschungen von Dutrouxs Verbindungen zu anderen Kriminellen wurden untersagt - Beamter wurde vom Fall sofort abgezogen

Arlon - Ein früherer Ermittler im Fall Marc Dutroux hat im Prozess gegen den mutmaßlichen belgischen Kindermörder Indizien gegen die Einzeltäter-Hypothese vorgebracht.

Jean-Pierre Adam, der nach eigenem Bekunden ungerechtfertigt von den Ermittlungen abgezogen wurde, zog am Mittwoch vor dem Gericht in Arlon eine Verbindung zwischen Dutroux und der organisierten Prostitution in Belgien. Unter anderem sei in der Wohnung des Angeklagten eine Visitenkarte eines Hotels in Blankenberge im Norden des Landes gefunden worden, dessen Besitzer des Menschenhandels verdächtigt werde.

Dieser Mann habe mit zwei mutmaßlichen Opfern von Dutroux, An Marchal und Eefje Lambrecks, am 22. August 1995 wenige Stunden vor ihrer Entführung in Blankenberge geplaudert, sagte ein weiterer Zeuge, ein Einwohner des Badeortes, am Mittwoch vor Gericht aus.

Nachforschungen verweigert

Sein Wunsch, möglichen Verbindungen von Dutroux zum Kriminellen-Milieu in dessen Heimatort Charleroi nachzugehen, sei ihm verweigert worden, betonte Adam. Unter anderem habe er im Jahr 2000 einen Nachtclub durchsuchen wollen, in dessen Nähe zwei weitere Opfer, Julie und Melissa, gesehen worden seien. Untersuchungsrichter Jacques Langlois habe das mit den Worten abgelehnt, dies passe nicht in seiner Annahme vom Einzeltäter, es sei nicht seine Aufgabe, dem Kriminellenmilieu von Charleroi einen "Fußtritt" zu geben, sagte Adam weiter.

Polizeikommissar glaubt an mehr Strafttaten als angenommen

Der mutmaßliche Mädchenmörder Marc Dutroux hat möglicherweise mehr Straftaten begangen als bisher angenommen. Auch zwei weitere Vergewaltigungen, ein Mordversuch und eine fehlgeschlagene Entführung könnten auf das Konto des vorbestraften Kinderschänders gehen, sagte ein Polizeikommissar am Donnerstag im Schwurgericht von Arlon. "Ich gehöre zu denen, die glauben, dass er nicht alles gestanden hat", erklärte der Fahnder Jean-Pierre Verduyckt im Zeugenstand. Ein Kripo-Inspektor habe aber seinerzeit verschiedene Taten von Dutroux gedeckt.

Kripo-Inspektor protokollierte Zeugenaussagen nicht

Verduyckt war einer jener Polizisten, die nach der Festnahme Dutroux' im Sommer 1996 am Bürgertelefon einschlägige Hinweise sammelten. Mehrere Fälle deuteten auf Dutroux als Täter: In einem Fall von 1995 sei ein Mädchen in ein Auto gezerrt und vor seiner Vergewaltigung betäubt worden, bevor es nach mehreren Messerstichen liegen gelassen wurde. Nach einer anderen Vergewaltigung habe Kripo-Inspektor Georges Zicot eine Zeugenaussage nicht protokolliert, sagte der Kommissar. Zicot ist zusammen mit Dutroux in einem anderen Fall wegen Verstoßes gegen das Berufsgeheimnis angeklagt.

"Man wendet besser Betäubungsmittel an als Gewalt"

Der Hauptangeklagte Dutroux gab in der Verhandlung neue Einblicke in seine Haltung zu Kriminellen und anderen Menschen. Zur Auseinandersetzung mit einigen jungen Leuten, die ihm Mitte der neunziger Jahre einen gestohlenen Lastwagen streitig machten, sagte Dutroux: "Ich wollte sie nicht umbringen. Unter Gangstern kann man sich arrangieren. Man wendet besser Betäubungsmittel an als Gewalt. Da ging es nicht um kleine Kerlchen." I

m Dutroux-Prozess geht es neben der Entführung von sechs Mädchen, von denen vier qualvoll starben, auch um die Gefangennahme der rivalisierenden Bande. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Dutroux wird im Prozess ständig von seinen Anwälte gecoacht

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