Macchiato in Mekelle

21. Juli 2005, 10:29
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Felsenkirchen, Frauen, die Bethlehem heißen, und Träume von Sportschuhen in Größe 41. Eine Reise durch das äthiopische Hochland von Nadja Hahn

"Zieht eure Schuhe aus, schaut genau zu und klettert mir nach", zischt der zahnlose Priester und hantelt seine mindestens 60 Jahre unerwartet hurtig eine senkrechte Felswand empor. Die Hornhaut an seinen Füßen lässt vermuten, dass er in seinem Leben nie Schuhe getragen hat. An beiden Schläfen hat er zwei vernarbte Schnitte. Durch die Wunden soll das Böse aus seinem Kopf fließen und seine kurzsichtigen Augen heilen.

Die Berge von Ghu ragen wie Pfeile in den Himmel. In ihrem Inneren verbirgt sich eine der entlegensten Felsenkirchen Äthiopiens, Abune Yemata. Der Aufstieg über das poröse Gestein ist nicht gesichert, und hinter einem taumeln 300 Meter Abgrund. Aber der Aufwand lohnt sich: Von Sonne und Wind abgeschieden, bietet die Höhle eine kühle Stille. Im Licht der Fackel des Priesters präsentieren sich Wandmalereien aus Tierblut und Eierfarbe, die seit dem 15. Jahrhundert Geschichten aus dem Alten Testament erzählen.


Abgeschiedenheit

Durch ihre Abgeschiedenheit schützten die Christen Äthiopiens ihre Heiligtümer vor den Feinden der frühen orthodoxen Kirche. Für die Bewohner der Dörfer um die Berge von Ghu ist der spinnenhafte Aufstieg aber noch heute Alltag ihres religiösen Lebens. Doch für einen Touristen, der noch nie in eine Kirche geklettert ist, ist Abune Yemata ein mystisches Erlebnis in einer Landschaft, die dem Grand Canyon gleicht.

Die Kirchen von Osttigre sind die ältesten Äthiopiens, manche stammen sogar aus dem 8. Jahrhundert. Die Reise in die Region beginnt in der nördlichen Stadt Axum, dem kunsthistorischen Zentrum Äthiopiens. Hier lassen sich mit Verhandlungsgeschick günstig Jeep und ortskundige Guides auftreiben. Auf jeden Fall sollte eine Übernachtung in Mekelle eingeplant werden, denn obwohl die Reise kaum mehr als 120 Kilometer beträgt, kämpft sich auch das beste Auto gute fünf Stunden über die staubigen Schotterstraßen.

Mekelle bietet auch eine kulinarische Überraschung: Das muslimische Städtchen ist gespickt mit Straßencafés, in denen man herrliche Bäckereien schlemmen und vorzüglichen Macchiato aus uralten italienischen Kaffeemaschinen schlürfen kann. Die Italiener haben in ihrer Besatzungszeit von 1936 bis 1941 unter Mussolini den Äthiopiern aber nicht nur die Kunst des modernen Kaffeebrauens vermittelt, sondern auch Spaghetti und Pizza auf den Speisenkarten verewigt.

150 Felsenkirchen

Im äthiopischen Hochland gibt es etwa 150 Felsenkirchen. Die berühmtesten sind in Lalibela, einer 2600 Meter hoch gelegenen Stadt, die der Sage nach im 12. Jahrhundert vom gleichnamigen König erbaut wurde, den Gott im Traum anwies, ein zweites Jerusalem zu errichten. Im Gegensatz zu Osttigre ist Lalibela von Addis Abeba bequem mit dem Flugzeug zu erreichen. Als Unesco-Welterbe zieht Lalibela für Äthiopien verhältnismäßig viele Touristen an.

Wer den Ort und seine Kirchen in Ruhe erleben will, sollte sich daran gewöhnen, mit der Sonne aufzustehen, und das bedeutet um sechs Uhr morgens. Mit Sonnenaufgang beginnt in Äthiopien übrigens auch die Zeitrechnung, um sieben ist es dort eins und um sechs Uhr abends wieder null Uhr.

Niemand kann genau erklären, wie Lalibela erbaut wurde. Die Kirchen wurden von oben nach unten in das rote, weiche Tuffgestein gehauen. Manche, wie die kreuzförmige Georgskirche, stehen frei in einer ausgehöhlten Grube, andere liegen wie Höhlen im Stein. Angeblich haben hier Engel über Nacht Hand angelegt.

Ein verwinkeltes Labyrinth

Die insgesamt elf Kirchen sind ein verwinkeltes Labyrinth aus Höhlen und unförmigen Gängen, die ohne Führer nur schwer zu erkunden sind. Jede der Kirchen ist einem Heiligen oder einer besonderen Bibelgeschichte geweiht. Mittelalterlich anmutende Mönche präsentieren jeweils die der Kirche speziell gewidmeten Kreuze. Wer Glück hat, erwischt einen enthusiastischen Führer wie Tadese. Er ist in diesen Steinhallen aufgewachsen, kann über jedes Relief und jede Malerei eine Geschichte erzählen. Er träumt davon, hier selbst Priester zu werden. Seine größte irdische Freude wäre allerdings ein Paar Sportschuhe in Größe 41.

Biblische Namen sind in dieser Gegend übrigens sehr häufig, man trifft auch Frauen, die Bethlehem heißen. In Äthiopien ist es durchaus üblich, dass man nach seiner Religion gefragt wird. 35 bis 40 Prozent der Bevölkerung sind orthodox, zehn Prozent sind Protestanten, und Katholiken gibt es fast keine. Der Islam ist stark im Vormarsch und erreicht derzeit etwa 45 Prozent des Landes.

Kulturell ist Äthiopiens Selbstverständnis eng mit der Bibel verbunden. In Axum etwa befindet sich die Bundeslade mit den Zehn Geboten Moses', die vom Sohn des König Salomon und der äthiopischen Königin Saba von Jerusalem nach Äthiopien gebracht wurde. Sie wird in der örtlichen Kathedrale streng bewacht und ist nicht zu besichtigen, aber aus ihrer Anwesenheit bezieht das äthiopische Christentum seine Unabhängigkeit.

Für Österreicher ist der Mariatheresientaler ein unentbehrliches Souvenir aus Äthiopien. Durch den Kaffeehandel mit den aus Äthiopien stammenden Arabica-Bohnen etablierte er sich lange Zeit als Landeswährung, und man sieht noch heute Frauen und Kinder stolz das doppelkinnige Porträt der Kaiserin als Amulett tragen. Für umgerechnet fünf Euro sind die Taler überall zu haben. (Der Standard/rondo/09/04/2004)

Info: Nachdem die italienischen Faschisten das Land verließen, kehrte Kaiser Haile Selassie aus dem Exil in London zurück und regierte bis 1974. Nach einem langen Bürgerkrieg wurde 1991 die Diktatur des sozialistischen Militärregimes beendet, seither ist Äthiopien eine demokratische Republik unter Premierminister Meles Zenawi. Flüge von Wien mit British Airways über London oder KLM über Amsterdam.

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    Lalibela

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