Im Auge des Orkans

19. Oktober 2004, 14:21
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Nach den Anschlägen vom 11. September gibt es Sightseeing in Washington nur noch unter Beaufsichtigung

Washington, das ist der ORF-Fernsehkorrespondent vor dem grünen Rasen, an dessen Ende das Weiße Haus steht. Sehen Sie sich das ruhig einmal in Wirklichkeit an. Aber beschweren Sie sich nachher nicht, dass Ihnen das Weiße Haus "irgendwie nichts gegeben hat".

Bevor Sie sich nämlich an die Zaunstäbe lehnen und abdrücken können, sind Sie, den Stadtführer umklammernd, unter US-Fahnen, die von Giebeln und Fenstern hängen, durch Betonklötze, hölzerne Straßensperren und labyrinthische Gänge aus durchlöchertem grünen Bauzaun vorgerückt. Sie haben sich an schleichenden Polizisten, parkenden Polizisten, gelangweilten Polizisten, Polizisten mit Auto, Motorrad, Pferd oder Fahrrad zum Nukleus der Weltmacht vorgearbeitet.

Nicht spucken jetzt

Die Schuhe hätten Sie sich nun wirklich früher binden können. Je professioneller Sie ab jetzt Ihre Digitalkamera auf einem Pfahl aufsetzen, desto eher wird Sie der Polizist stoppen und fragen, "Who are you with?" Auch wenn laut Verfassung "myself" als Antwort reichen sollte, fingern Sie nach dem Reisepass. Gewohnheit verpflichtet.

Hier im geografischen Kern der Macht testen Sie eine Orwellsche Matrix, die nach dem 11. September schrittweise perfektioniert wurde. Sightseeing unter Beaufsichtigung. Um das Washington Monument herum steht jetzt ein Zaun. Neben der Polizeipräsenz in den Straßen hängen so viele Kameras auf dem Gesims, dass die neuralgischen Zonen der Stadt in ihrer Gesamtheit - kilometerweit - auf Video existieren.

Zum Schmunzeln ist das nur deshalb, weil sich ausgerechnet in den Einfallsstraßen zum Weißen Haus kinnhohe orange-weiße Baustellen-Hüte und gelbe Plastiktonnen türmen, sodass der Weg zum Büro des Herrn George W. Bush eher nach Kinderzimmer als nach Regierungsviertel aussieht. Schlaglöcher. Metallplatten. Zeug. Baustellen, wo alles steht und niemand baut. Verlottert. Ampeln ohne Übergänger. Schilder: "Road Closed." - "100% ID Check." (Identification Check) - "No trespassing."

Wo war noch mal die weiße Villa auf grünem Rasen?

Washington hält einen scharfen Kontrast zwischen Hardware (Außenraum), Software (Bewohner auf Zeit, Karriere) und "Extras" (Bewohner auf Lebenszeit, Getto) ein. Touristen sollten die Hardware wohlwollend ignorieren (von Chinatown fährt ein billiger Bus nach New York), die Software mutig erschnuppern und sich die "Extras" trotz Kriminal-Warnungen erschließen.

Damit es später kein langes Gesicht gibt: Washington hat keine urbanen Überra- schungen, kaum Menschen unter 20 und über 70, keine Fußgängerzone mit Straßencafés, keine Clubs oder Verstecke zum Exportieren und keine Stadterotik. Die Hardware, der urbane Außenraum, könnte genauso gut eine Klinik unter offenem Himmel sein, und die Idee, hier zu leben, ist ungefähr so bizarr, als fragten Sie im Krankenhausbett nach dem regulären Mietpreis. Nördlich vom Reiseführer-Spektakel aus Monumenten, Polizei und Security-Checks bewegt sich Washington in einem leicht hügeligen, oft dreispurigen, meist quadratischen Straßennetz, das nach Buchstaben und Zahlen organisiert ist. Busfahrer, Taxifahrer und SUV-Fahrer verwechseln diese Straßen (in genannter Reihenfolge; SUV steht für Sports Utility Vehicle) mit einem Computerspiel.

Die Busse hier dürfen noch stinken

Mitfahren kann nur, wer einen Dollar und zehn Cent in Münzen dabei hat. Im Verkehrsstrom strampeln, irrlichternden Ostereiern gleich, vereinzelte Radfahrer mit farbigen Helmen auf dem Kopf und Leuchtstreifen um die Fußgelenke.

Ein normaler Tag in Washington inkludiert außerdem mindestens eine fünfminütige Absperrung einer Straße, durch die nach kurzer Generalpause eine Regierungsdelegation mit schwarzen Autos und Polizeiwägen jagt, mindestens drei Vorstellungen des Triumvirates Feuerwehr, Polizei und Rettung, wobei oft weder Feuer noch Verbrechen noch Unfall zu diagnostizieren sind.

Und schließlich inkludiert so ein Tag Dutzende einzelne Polizeiwägen, auf deren Dach permanent ein Lichtband aus Blau, Rot, Weiß und manchmal auch Gelb blinkt. Diese patrouillierenden Christbäume führte der Polizeichef 2003 nach einem befruchtenden Austausch mit der israelischen Polizei ein.

Zu gewissen Zeiten benützen Fußgänger die Gehsteige. Ab halb sechs Uhr morgens joggen sie - die Fraktion "Mall" bergab zur geometrischen Ordnung von Kapitol, dem inzwischen eingezäunten Washington Monument und dem Lincoln Memorial, die Fraktion "Rock Creek Park" bergauf Richtung Nordrand des Stadtkerns.

Zugang verboten

Allerdings verbietet immer dann ein strenger Polizist den Zugang zum Park, wenn das Fernsehen den "threat level orange" ausgerufen hat - einmal war es sogar "deep orange" - und die Weltpolitik noch vor dem Frühstück in die Magengrube sickert. Keine Sorge, die Washington Post vom 19. März 2002 bietet Evakuierungsrouten aus der Stadt zum Herunterladen, und jeder Thinktank hat seine Safety-Marshalls ernannt.

Washingtons Bewohner schleudern allesamt im White-Collar-Waschgang, und ihr Imperativ heißt Effizienz. Ab sieben Uhr morgens eilen sie aus den Betontiefen der U-Bahn-Stationen zu den Zapfhähnen der Starbucks-Filialen. In den folgenden Stunden klammern sie sich an Riesenbechern mit Strohhalmen fest. Die meisten tragen dunkle Umhängetaschen mit dem Tupperware-Lunch und Sporttaschen fürs Fitnessstudio, viele tragen zudem ihre Blusen und Hemden an den Drahtbügeln der Wäschereien durch die Stadt. So gut wie alle arbeiten tagsüber in Cubicles - Schreibtisch-Kojen ohne natürliches Licht. Am Vormittag erholt sich die Stadt, es ist sonnig und still. Zwischen Punkt zwölf und zwei Uhr nachmittags materialisiert sich die Menschenmenge vom Morgen minus der selbsterhaltenden Tupperware-Gruppe wiederum auf den Straßen, diesmal als "lunch crowd". Danach kehrt noch einmal Ruhe ein.

Die nächste Stoßzeit

Zwischen Punkt fünf Uhr und etwa sieben Uhr abends folgt die nächste Stoßzeit. Die Stadt verschluckt ihre Gesichter wieder und spuckt sie in den Vorstädten aus. Einige verharren im urbanen Quadrat, indem sie sich zur "happy hour crowd" deklarieren und Bier schlucken. Software Washington - eingepflanzte Meile der Macht. Egal wo Sie sich befinden, ein paar Häuserblöcke weiter wird die Weltpolitik entschieden.

Die Software Washingtons sind Menschen aus Restamerika und der Welt, die Chance, Lebenslauf oder beides hierher gespült haben. Sie bilden eine Art IQ-Fettgürtel der Politik, der sich täglich aus den klumpigen Bürohäusern in Form von Word-Dokumenten, Unmengen von Megabytes und einer frivolen Menge ausgedruckten Papiers nach draußen wälzt. Zur Software gehören Museen wie das Smithsonian, das Corcoran, die Phillips Collection und National Geographic, aber auch degustierende Industrie-Lobbyisten der "K-Street" und Leute mit unsympathischen politischen Agenden.

Washingtons "Extras" fassen dieses banale Versehen zusammen, dass hier irgendjemand Lokalpolitik betreiben soll, noch dazu keine leichte. Das Steueraufkommen stagniert, weil hier der Staat wohnt und seine reichen Diener draußen in den Vorstädten, also den Bundesstaaten Virginia oder Maryland, geringere Abgaben leisten.

Die "Extras" - und jetzt muss der Stadtführer endgültig aus der Hand gelegt werden - sind aber auch jene Momente von Urbanität, wo in dieser Stadt Charaktere auftauchen, die offenbar sonst Tarnkappen tragen. Sie malen Plakate für die Demonstrationen und hüpfen in der Britpop Nacht im "Black Cat" und bei den Konzerten im "930-Club". Sie beleben erst seit kurzem wieder die U-Street, den einstigen "Black Broadway", dem künstlerischen Zuhause von Jazzern wie Ella Fitzgerald und Duke Ellington. Hier hat Washington eine Seele. Sie ist winzig klein und rau, und genau deshalb ein Funken urbaner Normalität. (Der Standard/rondo/09/94/2004)

Von Verena Ringler*

*Die Autorin ist Mitarbeiterin des Magazins "Foreign Policy" und lebt in Washington.
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