Südkorea: Mit Roh in den "Big Bang" der Parteien

9. April 2004, 09:37
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Staatschef droht Amtsenthebung

Der Wind fegt ungehindert über die geteerte Einöde. Die vier hellbraunen Container, die etwas verloren am Rand stehen, hüllt er in eine Staubwolke. Ein paar Männer auf schwarzen Drehstühlen, die unter freiem Himmel davorsitzen, reiben sich die Augen. "Parteivorsitz" steht auf dem Schild, das jemand über den Eingang zur zweiten Baracke von rechts genagelt hat. Willkommen in der Zentrale der Großen Nationalpartei (GNP), bis vor kurzem eine der mächtigsten Parteien Südkoreas. Das provisorische Hauptquartier steht in der Mitte eines sonst leeren Parkplatzes im Regierungsviertel von Seoul, ein paar Hundert Meter vom Parlament entfernt.

"Wir sind hierher gezogen, nachdem wir unser Parteigebäude verkauft haben", sagt Jin Ho Jin, ein GNP-Kader. "Damit wollen wir symbolisch dafür büßen, dass unsere Partei so viele illegale Parteispenden angenommen hat." "Reine Show", sagen Kritiker der Aktion. Auf jeden Fall ist auf diesem Parkplatz gerade der Niedergang der südkoreanischen Konservativen zu besichtigen. Der Eintritt ist frei.

"Fünfzig Jahre lang waren wir die führende Kraft in unserer Gesellschaft, aber jetzt gilt unsere Partei nur noch als altmodisch und korrupt", sagt Yoon Yeo Joon. Als Abgeordneter der GNP sitzt er noch in einem ordentlichen Büro in der Nähe des Parlaments. Gerade ist er beauftragt worden, nach einer Wahlkampfstrategie für die Parlamentswahlen am 15. April zu suchen. Gefunden hat er sie noch nicht. Zu verheerend ist das Image der GNP. Als "die Partei, die das Geld lastwagenweise einfuhr", wird sie verspottet. "Erst müssen wir die Vergangenheit aufrichtig bereuen. Strategie? Die Leute hören uns im Moment ja noch nicht mal zu", sagt Yoon.

138 von 225 Parlamentssitzen, mehr als die Hälfte also, gehörten bis vor kurzem der GNP. Doch nun sagen ihr die Meinungsforscher eine Demütigung voraus. Auf rund 19 Prozent könnte die GNP abstürzen, wenn nicht noch etwas Dramatisches geschieht. Das allerdings ist in Südkorea jederzeit möglich.

Das letzte Drama ist ja erst am 12. März inszeniert worden, vor laufenden Fernsehkameras. Eine Saalschlacht im Parlament. Schallende Ohrfeigen. Fliegende Wahlurnen. Weinende Männer. Die GNP hatte gemeinsam mit anderen Oppositionellen ein Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Roh Moo Hyun angestrengt. Die Abgeordneten der regierungsnahen Uri-Partei stiegen für ihren Präsidenten in den Ring. Sie versuchten vergeblich, das Votum zu blockieren, bevor sie von Saalordnern abgeführt wurden. Hätte es einen Preis für die beste schauspielerische Leistung gegeben, so hätte der einem jungem Uri-Abgeordneten namens Rhyu Simin gebührt. Er ließ sich theatralisch zappelnd davontragen.

Ein schwacher Präsident Seither segelt Rhyu genauso im Aufwind wie sein Präsident. "Die Opposition hat den Verstand verloren", ruft er im Büro seiner Wahlkampfzentrale. Er weiß die Mehrheit der Südkoreaner auf seiner Seite. Rund 70 Prozent sind Umfragen zufolge gegen das Amtsenthebungsverfahren, obwohl rund 70 Prozent Roh Moo Hyun für einen schwachen Präsidenten halten. Mit einem kleinen Verstoß gegen das Wahlgesetz, dem Korruptionsskandal in der Umgebung des Präsidenten und der schlechten Wirtschaftslage hat die Opposition den Schritt begründet, aber die Bürger sind nicht überzeugt. Sie wollen vor allem Stabilität. "Die Südkoreaner sind weiser als ihre Politiker", sagt der Politologe Seung Ham Yang von der Yonsei-Universität in Seoul.

Das Widerstandsspektakel im Parlament hat der Uri-Partei daher gewaltige Sympathien eingebracht. Kurz vor der Wahl sind ihre Werte auf 52 Prozent emporgeschnellt. "Wir wollen die absolute Mehrheit", sagt Rhyu, der vier Jahre in Deutschland Betriebswirtschaftslehre studiert hat. Für eine Partei also, die es erst ein halbes Jahr lang gibt. "Wir erleben gerade den Big Bang der südkoreanischen Politik. Die alte Ordnung wird zerstört und eine neue nimmt Gestalt an", sagt er ein klein wenig zu großspurig. Denn ein klares Programm hat auch die Uri-Partei noch nicht zu bieten. Sie ist ein Sammelbecken für Unterstützter Rohs und jede Menge Opportunisten, die nach dessen Austritt aus der bisherigen Regierungspartei, der Demokratischen Millenniumspartei, der Macht hinterhergelaufen sind. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2004)

Von
Henrik Bork aus Seoul
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