Deutscher Lehmann als englischer Buhmann

19. April 2004, 13:40
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Arsenal ist dank des Tormanns an Chelsea gescheitert - Henry fällt verletzungsbedingt aus

London - "Die Deutschen gaben der Welt Ludwig van Beethoven, Claudia Schiffer und Michael Schumacher. Arsenal bekam traurigerweise Jens Lehmann."

So klingt es, wenn das britische Boulevard-Blatt The Sun vom Leder zieht und mutmaßte, ob Teammanager Arsene Wenger den Keeper bei der Verpflichtung möglicherweise "mit Oliver Kahn verwechselt hat". Wie schon im Hinspiel an der Stamford Bridge (1:1) erwies sich das fehlende Augenmaß des deutschen Hünen auch in Highbury als spielentscheidend, in der 51. Minute wehrte er einen Ball mehr mit dem Unterkiefer als mit den Fäusten ab, Frank Lampard nutzte die Unpässlichkeit und staubte zum 1:1-Ausgleich ab. Nachdem Wayne Bridge (87.) mit seinem Treffer zum 1:2 den Triumph Chelseas perfekt gemacht hatte, trottete Lehmann gedemütigt von dannen.

"Russischer Charakter"

"Es fällt mir schwer, Worte zu finden. Die Enttäuschung ist sehr, sehr groß", stammelte der 34-Jährige nach dem Spiel in die Mikrofone. Er ahnte wohl, dass er an jenem Abend seine letzte Chance verspielt hatte, bei der EM in Portugal als Nummer eins ins deutsche Tor einzuziehen und den Rivalen Oliver Kahn auf die Bank zu verweisen. Eine nicht mehr für möglich gehaltene Wiederauferstehung feierte indes Chelseas italienischer Trainer Claudio Ranieri, der nach Arsenals Führungstreffer durch Jose Antonio Reyes (45.) im Geiste wohl schon die Angebote sondierte. Nach dem Abpfiff weinte er vor Freude. "Ranieri bereitet seine Rehabilitation vor" schrieb die Times, Klub-Besitzer Roman Abramowitsch machte seiner Mannschaft das aus seiner Sicht höchste Kompliment, er attestierte ihr "russischen Charakter".

Drei Spiele Pause für Henry

Bei Arsenal jammern sie jetzt auf hohem Niveau, nachdem die "Kanoniere" innerhalb von 82 Stunden ihren zweiten möglichen Titel verspielten - am Samstag hatten sie das FA-Cup-Halbfinale gegen Manchester United 0:1 verloren - gerät Trainer Wenger intern unter Druck. In der Meisterschaft sitzt Arsenal ausgerechnet Chelsea im Nacken, der Rückstand beträgt vier Punkte. Zu allem Unglück Arsenals gesellt sich auch noch Pech, in den nächsten drei Punktspielen muss Wenger auf seinen Torjäger Thierry Henry verzichten. Der Franzose, der diese Saison bislang 31 Treffer erzielte, fällt wegen einer Oberschenkelzerrung mindestens für die nächsten zwei Wochen aus.

Chelsea trifft im Halbfinale auf Monaco, das erste Treffen findet am 20. April, das Rückspiel am 5. Mai statt. (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 8. April 2004, sid, sjk)

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