Wahrer Prinz und reales Sesselwackeln

19. April 2004, 13:41
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Real Madrid reagiert geschockt auf das Viertelfinal-Aus, die sensationellen Monegassen jubeln - Im Mittelpunkt steht Fernando Morientes, Reals verlorener Sohn

Monaco - "Absturz der Galaktischen, willkommen auf der Erde. Morientes ist der wahre Prinz von Monaco. Real löste sich auf wie ein Stück Zucker", titelte die spanische Sportzeitung AS. "Madrid zerschellt in Monaco. Die süße Rache des Fernando Morientes", befand Kollegin Marca. Nationalspieler Morientes, bei Real Madrid zu Saisonbeginn ausgemustert und nun als "Leiharbeiter" bei AS Monaco beschäftigt, schoss Ronaldo, Zidane & Co mit seinem Treffer beim 3:1 (1:1) aus dem Wettbewerb, er hatte auch im Hinspiel (2:4) getroffen, nicht zuletzt dank dieses und des zweiten Auswärtstors schaffte Monaco die Sensation.

"Das enttäuschendste Real seit Jahren"

Und Spaniens El País stellte fest: "Der Mythos Real Madrid ging den Bach runter in einem Stadion, das aus Pappe scheint. Es war das enttäuschendste Real seit Jahren." Dabei stand AS Monaco selbst vor einem Jahr noch vor einem Scherbenhaufen. Der Vizemeister war zunächst wegen einer riesigen Schuldenlast zum Zwangsabstieg verurteilt worden. Erst nach einer Entscheidung der Berufungskommission des nationalen Verbandes blieb der Verein in der obersten Liga, er wurde allerdings unter "finanzielle Aufsicht" gestellt. Und nun klingelt es dank Champions-League-Erfolgen in der Kassa.

Real, neunmaliger Gewinner des Landesmeisterpokals, verpasste erstmals seit fünf Jahren den Sprung unter die letzten Vier. "Das ist sehr, sehr schmerzhaft. Ich übernehme die volle Verantwortung für diese Niederlage", erklärte Trainer Carlos Queiroz, nachdem seine Mannschaft zuletzt schon das spanische Pokalfinale verloren hatte. Von Rücktritt sprach der umstrittene Coach, als Tabellenführer der Primera Divisón nur noch einen Zähler vor dem FC Valencia, aber nicht: "Ich werde weiter kämpfen und habe die Aufgabe, das Team wieder aufzurichten."

Wackelnder Trainer-Stuhl

Queiroz' Stuhl scheint indes schon zu wackeln, fürwahr, Sportdirektor Jorge Valdano kündigte an: "Über die Zukunft von Queiroz werden wir noch sprechen." Inzwischen wird sogar das Konzept von Präsident Florentino Pérez infrage gestellt, jedes Jahr einen neuen Top-Star ausschließlich für die Offensive zu verpflichten. In Monaco fehlte der gesperrte David Beckham, dem Vernehmen nach will ihn seine Gattin möglichst rasch wieder nach England transferieren.

Derweil war Morientes, der in der 48. Minute zwischen zwei Toren seines genialen Teamkollegen Ludovic Giuly (45., 66.) und nach einem Gegentreffer durch Raul (36.) für die Entscheidung gesorgt hatte, in Feierstimmung: "Ich bin ein Profi und genieße diesen Sieg. Das ist ein historischer Erfolg für den Verein. Aber wir können noch sehr viel weiterkommen."

Ein schönes Kapitel

Monacos Trainer Didier Deschamps jubilierte: "Meine Spieler schreiben gerade ein wunderschönes Kapitel französischer Fußballgeschichte." Im Semifinale wartet Chelsea, die Londoner sind, meint Deschamps, "wohl auch nicht über Real zu stellen".

Mit gemischten Gefühlen registrierte der deutsche Meister Bayern München, der im Achtelfinale gegen Real ausgeschieden war, die Schlappe der Spanier. "Das ist schon ärgerlich. Auch wir hatten unsere Chance, aber wir haben sie nicht genutzt. Leider haben wir Real zu einer Phase erwischt, in der sie noch besser waren und mehr Selbstvertrauen hatten", sagte Trainer Ottmar Hitzfeld. Wobei anzumerken ist, dass Hitzfeld jetzt leicht sagen kann, was er jetzt sagt. Schließlich hatte seinerzeit etwa die österreichische Tageszeitung DER STANDARD nicht umsonst berichtet, dass "die 15 besten Klubs Europas und Bayern" im Achtelfinale der Champions League standen. (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 8. April 2004, sid, APA, fri)

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    Real Madrids nicht gänzlich verlorener, sondern nur verliehener Sohn, Fernando Morientes.

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