Algerien: Präsident wehrt sich gegen Expremier

8. April 2004, 08:47
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Bouteflika oder Benflis: Erstmals offener Ausgang bei Präsidentschaftswahlen

Algier/Madrid - Das ist neu für die Algerier. Wenn sie am heutigen Donnerstag an die Wahlurnen schreiten, um den Präsidenten zu wählen, steht das Ergebnis erstmals in der Geschichte des Landes seit der Unabhängigkeit nicht von vornherein fest.

Unter den sechs Kandidaten ziehen zwei Favoriten in den Ring. Beide kommen sie aus der ehemaligen Einheitspartei FLN, und beide können sie mit der Unterstützung eines Teiles des übermächtigen Militärs rechnen. Abdelaziz Bouteflika (67) ist der seit 1999 amtierende Staatschef und sein ehemaliger Wahlkampfkoordinator, Kabinettschef und späterer Premier Ali Benflis (60) der Herausforderer.

Präsident Bouteflika muss beim ersten Wahlgang gewinnen, will er nicht Gefahr laufen, dass sich bei einer zweiten Runde alle anderen Strömungen gegen ihn zusammenschließen. Bouteflikas wichtigster Pluspunkt ist der relative Rückgang der Gewalt. Starben in Algerien vor fünf Jahren noch jeden Monat mehrere 100 Menschen bei Anschlägen der islamistischen Untergrundarmeen, sind es heute noch ein Dutzend.

Bouteflika drängte den ra- dikalen Islamismus zurück. Zum einen gelang es ihm, mit seinem Programm der "zivilen Einheit" Tausende von Untergrundkämpfern zum Niederlegen der Waffen zu bewegen, unter ihnen die gesamte Armee des Islamischen Heils, der bewaffnete Arm der 1992 verbotenen Islamischen Heilsfront. Zum anderen ging die Armee weiter hart gegen die noch verblieben Gruppen vor.

Der "Pharao"

Benflis, ehemals Menschenrechtsanwalt, kritisierte Bouteflika im Wahlkampf immer wieder als "autoritär". Er nennt ihn den "Pharao" oder gar einen "Faschisten". Benflis, der als Generalsekretär des FLN die ehemalige Einheitspartei zum Sieg bei den Parlaments- und Kommunalwahlen führte, verspricht eine Demokratisierung.

Der entscheidende ideolo- gische Unterschied zwischen beiden ist aber die Wirtschaftspolitik. Während Bouteflika auf die Privatisierung bis hin zur Erdölindustrie setzt, verspricht Benflis einen sozial abgefederten Übergang zur völligen Marktwirtschaft. Jeder zweite unter 30 in Algerien ist heute ohne Arbeit. Die Armee hat sich über die beiden Kandidaten gespalten und erklärte erstmals, sich nicht in die Wahlen einzumischen. Viele der Generäle fühlen sich vom Präsidentenpalast bevormundet und übergangen. Sie setzen auf einen Wechsel und damit auf Benflis. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2004)

Von
Reiner Wandler

Infografik
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