Gerichtsgeschichte: Im Trubel ertränkt

8. April 2004, 19:57
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Wenn er arbeitete, war Pascal bei der Tagesmutter. Ein paar Monate ging das gut. Dann begann die Verfolgung.

St. Pölten - "Pascal ist jetzt in Gottes Händen", sagt sein Vater. Er steckt in großen Schuhen. Seine Schritte sind linkisch. Die Brille sitzt schief. "Sie sind gläubig?", fragt der Richter. Ja, sehr, sagt er. "Wie lässt sich das mit dem Gebot ,Du sollst nicht töten' vereinbaren?" - "Gar nicht", erwidert er traurig. Er hat seinen dreijährigen Buben in der Donau ertränkt. "Sein Kopf war bei meinem Herzen", erinnert er sich.

Er heißt Herbert, ist 29 Jahr alt, kommt aus Tulln. Gern spricht er von der Freiwilligen Feuerwehr. Die Lehre hat er abgebrochen. "Mein Vater war Alkoholiker", erklärt er. "Hat das was mit der Lehre zu tun?", fragt der Richter. "Schon", sagt er.

Pascal wurde dem Vater zugesprochen

1997 hat er geheiratet, "am 15. April, an meinem Geburtstag", schwärmt er. Die Ehe? - "Sie war sehr gut, sie war aufrecht." Dann ist Pascal zur Welt gekommen. Bald danach hat sich seine Frau distanziert. "Sie ist immer fortgegangen. Sie hat andere gehabt." Sie wollte die Scheidung. Sie bekam sie. Pascal wurde dem Vater zugesprochen. Die Mutter hörte bald auf, das Kind zu besuchen.

Was er mit dem Dreijährigen so gemacht hat? - "Farben lernen, Pflanzen anschauen, Sandburg bauen, Fußball spielen." Wenn er arbeitete, war Pascal bei der Tagesmutter. Ein paar Monate ging das gut. Dann begann die Verfolgung. "Wer hat Sie verfolgt?", fragt der Richter. "Meine Exfrau, ihre Freunde, viele Personen, auch Fremde."

Geschnitten<>

Er setzte Pascal ins Auto und fuhr. "Pro Tag haben mich vier Fahrzeuge geschnitten, das kann kein Zufall sein", sagt er. Sie wollten ihm "hinten drauf" fahren. "Sie haben mir die Faust gezeigt und mit den Fingern eine Pistole gemacht. Das war schrecklich."

Am 12. Dezember musste er mit dem Kind flüchten. Erst fuhren sie Richtung Graz. Um die Verfolger abzuschütteln, änderten sie den Kurs: Innsbruck, Berchtesgaden, München. Es half nichts. "Immer mehr Leute hinter mir, ein irrer Trubel", sagt er. Sie kehrten um, fuhren die Donau entlang. Bei Greifenstein stiegen sie aus, gingen zur Uferböschung. - "Ich wollte, dass das aufhört hinter meinem Rücken." Er stach Pascal mit einem Taschenmesser in den Hals. "Ich dachte, wenn er stirbt, ist der Trubel zu Ende." Pascal schrie. Da ertränkte er ihn.

"Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?", fragt der Richter. "Ich will nach Holland", erwidert er. Warum? - "Holland ist schön", sagt er. Er wird in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 8.4.2004)

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