Die Erinnerungskünstler

13. April 2004, 12:43
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Singulär: Jazzklassiker und Saxofonist Archie Shepp trifft im Porgy & Bess den Bassisten Georg Breinschmid

Eine Begegnung der seltenen, aber delikaten Art: Jazzklassiker und Saxofonist Archie Shepp trifft im Porgy & Bess den Bassisten Georg Breinschmid. Ein singulärer Abend.


Wien - So vor zwei Jahre etwa. "Da hatten wir, ich und George, eine gute Zeit in ... Güde?" Archie Shepp blickt fragend ins Publikum. Ach, ja, danke: "Gmunden!" Dass er nun mit Georg Breinschmid, dem einst bei den Philharmonikern ausgestiegenen und nunmehrigen Jazzbassisten von internationalem Format, abermals die Bühne zwecks Notenaustausch betreten würde, kann damals in Gmunden wohl so nicht ausgemacht worden sein.

So an die zwei Jahre lang korrespondierte Porgy-Chef Christoph Huber mit Shepp wegen einer Porträtreihe, ohne dass diese wirklich Gestalt annehmen wollte. Schließlich willigte Shepp ein, zumindest mit "George", an den er sich noch erinnern konnte, wieder eine gute Zeit zu verbringen. Voraussetzung natürlich: ein Erste-Klasse-Flugticket.

Nach mehrfachem Nachbohren schickte der Professor, der in Musikgeschichte an der Uni in Massachusetts unterrichtet, Breinschmid gar einige Noten, die als Gesprächsgrundlage dienen sollten.

Es wäre interessant zu hören, was Shepp in seinen Vorlesungen über sich erzählt. Er ist ja in der seltsamen Position, über etwas zu referieren, das er selbst geprägt hat. In derselben Lage wäre etwa Pierre Boulez, würde er über die Musikgeschichte nach 1945 Vorlesungen halten.

Nach Versuchen, als Stückeschreiber zu reüssieren, ist Shepp, weil es damit nicht voranging, in den Jazz hineingekippt. Nach dem Durchspielen diverser Traditionen landet er in New York bei Pianist Cecil Taylor, hört auch John Coltrane und wird in den 60ern zum Sprachrohr der afroamerikanischen Befreiungsbewegung mit den Mitteln des dekonstruierenden Freejazz. Er widmet Stücke Malcolm X. Sein Stil klingt, als wäre er an eine Steckdose des Zorns angeschlossen.

Zwar ist seine Kunst längst wieder zurück in die Welt der geordneten Songform zurückgekehrt. Was man jedoch als Resignation missverstehen konnte, hatte mehr mit Geschichtsbewusstsein zu tun und der Einsicht, dass sich Neuheit nach dem Freejazz nur noch mit den Mitteln der individuellen Verarbeitung und Verschachtelung bekannter Stile erreichen lässt.

Man hört es im Porgy, die Folge ist ein Reichtum des Ausdrucks: Dieser Wechsel von Poesie zu aggressivem Aufschrei; die fragmentarisch anmutenden Linien, die sich verlieren und wieder finden; der Wechsel vom Tonalen ins Freitonale - all das beschert einem eine Reise ins Reich spontaner Rhetorik, die nicht imitierbar wäre.

Erdige Abstraktheit ist die Folge. Während Breinschmid so dezent wie intensiv für geordnete Verhältnisse sorgt, durchwandert Shepp Erinnerungen an einen Cousin, der mit 15 in einem Straßenkampf umgekommen ist, wird Shepp bei Mama Rose, das nun Revolution heißt, zum Erzähler. Und bei Stars In Your Eyes, das er einst für Sarah Vaughan geschrieben hat, mutiert er zum fragilen Sänger, der auf die baritonale Kultiviertheit eines Leon Thomas verweist.

Ein singulärer Abend mit einem ausdrucksautonomen Künstler in guter Laune. Dass er am Klavier als Hobbyimprovisator auf dem Knie von Thelonious Monk sitzt, sei dem 67-Jährigen, der auch in Paris lebt, vergönnt. Solange er wieder herfliegt. Business Class, versteht sich.
(DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2004)

Von Ljubisa Tosic

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www.porgy.at
  • Der fulminante Bassist Georg Breinschmid und der gut gelaunte Altmeister Archie Shepp: eine jazzige Bühnenbegegnung mit musikalischem Mehrwert.
    foto: rygalyk

    Der fulminante Bassist Georg Breinschmid und der gut gelaunte Altmeister Archie Shepp: eine jazzige Bühnenbegegnung mit musikalischem Mehrwert.

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