Besuche bei und von Legenden

15. April 2004, 12:22
6 Postings

Neue alte Alben von Lou Reed, Bob Dylan, A Certain Ration und Bonnie Prince Billy

LOU REED
Animal Serenade
(Warner)
Der böse alte Mann des Rock veröffentlicht wieder einmal ein Livealbum von seiner grundsätzlich überzeugenden Welttournee von 2003, die ihn auch nach Österreich führte. Allerdings sind die kanonisierten, kammermusikalischen Songs gerade aus seiner Zeit mit Velvet Underground, etwa das zehnminütige Venus In Furs, auf CD im Vergleich zur intensiveren Livesituation bei den Konzerten doch eine ziemliche Belastung. Lou nimmt sich selbst wieder einmal zu wichtig. Er unterschätzt im Zusammenhang mit seinem Werk, dass seine simpel gestrickten Songs im Original durchaus auch mit gutem Grund mit rumpelndem Schlagzeug eingespielt wurden. Das hier klingt zu sehr nach einem Mann, der den Dreck der Straße in seinen späten Jahren zur Hochkultur hinbiegen will: ziemlich grausig. Wer noch kein Livedokument von Reed besitzt: Das gefährliche und als Rockklassiker geltende Rock'n'Roll Animal von 1974 und das durchgeknallte Stand-up-Comedy-Experiment Live: Take No Prisoners von 1978 sind immer noch im Handel erhältlich.

BOB DYLAN
Bob Dylan Live 1964, The Bootleg Series Vol. 6
(Sony)
Die Spielfehler und Textvariationen bei Liveauftritten analysierende Dylan-Forschung musste damals noch erfunden werden. Insofern rotzt sich hier der Meister erstmals regulär erhältlich als damals coolster Hund des Universums solo und gegen Schluss leider auch mit Heulboje Joan Baez recht unbeschwert und fröhlich (!!!), allerdings messerscharf durch die damals besten Songs dieser und sämtlicher anderer Welten. Man höre nur das wunderbare To Ramona! Menschen, die sich vor Blowin' In The Wind fürchten, können beruhigt sein. Blowin' In The Wind ist hier nicht enthalten.

A CERTAIN RATIO
To Each . . .
(Soul Jazz/ Hoanzl)
Eine weitere essenzielle Wiederveröffentlichung eines Klassikers aus der britischen Post-Punk-Ära. Die von einer Trompete und einem kernigen Bass getragenen dreckigen, düsteren Industrial-Funk-Tracks der Band aus Manchester beeinflussten damals nicht nur hörbar die New Yorker Kollegen The Talking Heads. Auch heutige Bands wie The Rapture oder Radio 4 ("Dance to the Underground") profitieren von diesem legendären Album. Produziert von Martin Hannett nach dem Tod von Ian Curtis, steht To Each . . . vor allem auch gesanglich unter dem Eindruck von dessen Gruppe Joy Division. Die möglicherweise depressivste Funkplatte aller Zeiten.

BONNIE PRINCE BILLY
Sings Greatest Palace Music
(Domino)
Der ebenso geniale wie spinnerte US-Songwriter Will Oldham ist gemeinsam mit hoch bezahlten Nashville-Studiomusikern ins Studio gegangen, um den kargen, zerbrechlichen, aber umso intensiveren Country-Folk, den er vor gut zehn Jahren unter seinem damaligen Pseudonym Palace Music auf großartigen Alben wie Viva Last Blues oder Days In The Wake veröffentlichte, neu zu sichten. Zwar ist die musikalische Deutung nun recht eindeutig kommerziell ausgefallen. In die alten Songs hat sich allerdings auch eine gewisse altersmilde Fröhlichkeit eingeschlichen, die man dem grüblerischen Oldham gar nicht zugetraut hätte. Da man von diesem Mann grundsätzlich alles kaufen kann, gilt auch hier: nachdrückliche Empfehlung! (DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2004)
Von Christian Schachinger
  • Frisch und Live 1964: Bob Dylan
    foto: sony

    Frisch und Live 1964: Bob Dylan

  • BONNIE PRINCE BILLY Sings Greatest Palace Music (Domino)
    grafik: domino

    BONNIE PRINCE BILLY
    Sings Greatest Palace Music
    (Domino)

Share if you care.