Mr. Dou und der Alltag in China

13. April 2004, 12:05
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Über den Asiatica-Händler, Sammler und Abenteurer François Dautresme

Eine Schau im Grimaldi Forum widmet sich dem Lebenswerk des Händlers, Sammlers und Abenteurers François Dautresme. Der begann 1963 systematisch die Alltagsgegenstände Chinas zu sammeln und kaum bekannte Handwerkstraditionen zu bewahren.


Monte Carlo/Paris - China: Alltagsschätze - auf den Spuren von François Dautresme lautet der Titel der Ausstellung, die vom 9. April bis 16. Mai in Monte Carlo zu sehen ist. Das monegassische Ausstellungszentrum Grimaldi Forum organisiert in Zusammenarbeit mit dem Pariser Asiatika-Museum Guimet und den Erben des China-Sammlers François Dautresme (1925-2002) die Schau, die einen Einblick in die Handwerkskunst und die Lebensgewohnheiten im ländlichen China des 20. Jahrhunderts gibt.

Als Leitfaden dienen die von François Dautresme innerhalb von knapp vierzig Jahren in China aufgefundenen Alltagsgegenstände. Präsentiert werden sie anhand der Lebensabschnitte des Menschen: vom Kind über Jugend zur Reife, das (vielen Wechseln unterworfene) Leben der Frauen, das Alter. Den Bauern, Fischern und Töpfern sind Spezialabteilungen gewidmet, da sie eine jahrtausendealte und kaum veränderte Tradition weiterführen, deren Entdeckung und Bewahrung bzw. Weiterführung zum Lebensinhalt von François Dautresme wurde.

Die Soldaten gehörten - insbesondere unter Mao seit 1949 - zu einem der gesellschaftlichen Ideale, das erst von der zeitgenössischen bildenden Kunst ironisch infrage gestellt wird. Auch hier hat das Gespür des Beobachters und Sammlers viele typische Gegenstände vor dem Untergang gerettet, die nun in Monte Carlo präsentiert werden.

65 Prozent der über 400 Exponate stammen aus der Sammlung von François Dautresme, 20 Prozent aus dem Musée Guimet, 15 Prozent von diversen anderen Leihgebern. Der Generalkurator des Musée Guimet, Jean-Paul Desroches, ein großer Bewunderer des China-Sammlers Dautresme, organisiert und strukturiert die Schau und den begleitenden Katalog.

Der könnte zu einem Referenzwerk für Gebräuche und Gegenstände im ländlichen China werden, wo die Millenniumstraditionen im Zuge der systematischen Modernisierung und weltweiten Uniformierung in Windeseile verwischt, vergessen oder bewusst verworfen werden.

Bedrohtes Handwerk

Der in Paris geborene François Dautresme stammte aus einer Familie von charakterstarken Abenteurern. François bereiste die Welt. 1963 kam er erstmals nach China, das er bis zu seinem Tode kreuz und quer durchforschte. Um die vom Aussterben bedrohten Handwerkstraditionen zu retten, gründet er 1967 die Exportfirma Compagnie française de l'Orient de la Chine. Er bestellte in den entferntesten Dörfern Chinas, sobald er eine für ihn neue, meist vom Untergang bedrohte Technik - z. B. des Töpferns - entdeckte, eine ausreichende Anzahl an Vasen, Schalen, Tellern, Körben usw., die er nach Frankreich importierte, um sie in den Geschäften der Compagnie anzubieten.

Inzwischen gibt es sieben Compagnie-Geschäfte in Paris, zwei in Brüssel und eines in Barcelona. Höchst geschmackvolle Einrichtungsgegenstände, auch Möbel, können da zu durchaus erschwinglichen Preisen erstanden werden. Mit den Geschäften finanzierte Dautresme seine Reisen und seine Sammelleidenschaft.

Boote und Maschinen

Er spürte nicht nur Töpfer auf, die blaue Schalen mit einem ganz präzise gesetzten roten Fleck in der unveränderten Technik seit mehr als eintausend Jahren herzustellen vermögen. Er verhandelte auch mit den Kuratoren des Museums in Nanking, die ihm schließlich Riesenobjekte wie Fischerboote mit der gesamten Ausstattung, ein Floß aus Bambusrohr oder Landwirtschaftsmaschinen verkauften.

Damit rettete François Dautresme diese Gegenstände vor der endgültigen Vernichtung. In seiner Lagerhalle in einer Pariser Vorstadt standen neben dem dschunkenartigen Fischerboot, das ebenfalls nach Monte Carlo transportiert wurde, mehrere erstaunliche Objekte: z. B. eine Landwirtschaftsmaschine, die im gleichen Arbeitsgang den Feldboden harkt und die Saat streut. "Die Chinesen sind das einzige Volk auf der Welt, das beide Arbeitsgänge in einem Durchgang erledigen kann", betont Museumskurator Jean-Paul Desroches.

Besonders amüsant ist ein zylinderförmiger Kindersessel, in dem das Kleinkind hockt oder steht und von unten (mit Kohle) beheizt wird. Dieser witzige, intelligente Kindersessel ziert nun im Grimaldi Forum die Abteilung Kindheit, ergänzt durch Kleidungsstücke, Spielzeug oder rätselhafte Zeichnungen. Letztere sollen die bösen Geister von dem Kind entfernen - ein Aberglaube, der den Maoismus überdauerte.

François Dautresme, den die Chinesen "Mister Dou" nannten, ging, wie sein Porträtfoto beweist, in der fernöstlichen Menschenmasse unter. Aber "Mister Dou" verhinderte, dass die völkerkundlich wichtigen Alltagsgegenstände aus China ebenfalls untergingen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2004)

Von
Olga Grimm-Weissert
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