Gerald Schöpfer als Paierl-Nachfolger fix

21. April 2004, 14:18
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Wirtschafts- und Sozialhistoriker wird Landesrat - Klasnic zieht Estag-Agenden an sich - Finanzen gehen an Edlinger-Ploder

Graz – Bis zuletzt blieben die Rollbalken oben. Bis zur Sitzung der höchsten Parteigremien Donnerstagnachmittag wollte ÖVP-Chefin Waltraud Klasnic ihre einsame Personalentscheidung nicht offiziell bekannt geben.

Der Standard-Vorabbericht, wonach der 60 Jahre alte Grazer Wirtschafts- und Sozialwissenschafter Gerald Schöpfer die Nachfolge des zurückgetretenen Wirtschaftslandesrates Herbert Paierl übernehmen wird, hatte VP-intern für gehörige Irritation und ungläubiges Kopfschütteln gesorgt. Niemand hatte mit dem Quereinsteiger im Pensionsalter gerechnet.

Parteigremien stehen hiinter Klasnic

Noch Minuten vor den Parteisitzungen hatte man mit einem aus dem Pool der rund‑ 15 kolportierten Kandidaten – von Raika-Boss Georg Doppelhofer bis zum Ölindustriellen Rudi Roth oder ÖVP-Generalsekretär Reinhold Lopatka – gerechnet. Die Parteigremien votierten einstimmig für Klasnics Wahl – auch für ihre Entscheidung, die Finanzen in die Hände der jungen Landesrätin Kristina Edlinger-Ploder zu legen und selbst die Landesbeteiligungen, samt Krisenunternehmen Energie Steiermark AG (Estag), zu übernehmen. Sie wolle dies im Sinne einer "Gesamtverantwortung" an sich ziehen, sagte Klasnic.

Die Landeschefin hat einmal mehr "quer gedacht" und mit dem über die ÖVP-Grenzen hinaus weit gehend unbekannten Vorstand des Institutes für Wirtschafts-, Sozial und Unternehmensgeschichte an der Grazer Universität abermals ein sehr persönliches "un-parteipolitisches" Signal gesetzt. Schöpfer ist kein ÖVP- Mitglied. Nach VP-Landesgeschäftsführer Andreas Schnider, der jungen Landesrätin Kristina Edlinger und dem Agrarlandesrat Hans Seitinger hat Klasnic nun eine weitere Persönlichkeit, die nicht zum traditionellen ÖVP-Urgestein gehört, an sich gebunden. Damit zählt nur noch Sportlandesrat und ÖAAB-Chef Hermann Schützenhöfer und ihr Berater, Bundesrat Herwig Hösele, zum verblieben Rest der Ära des letzten "Landesfürsten" Josef Krainer.

Gewagte Entscheidung

Klasnics Entscheidung für Schöpfer war nicht nur eine einsame, sondern eine durchaus gewagte. Sie hat die Wünsche und Zurufe des ÖAAB und des VP-Wirtschaftsflügels, der nach Herbert Paierl eine starke Wirtschafts- und Industriepersönlichkeit eingefordert hatte, ignoriert. Klasnic dachte anders, und ihre Wahl ist als Versuch zu verstehen, sich aus der erdrückenden Affäre um den Energiekonzern des Landes Estag zu befreien. Gerald Schöpfer ist völlig unverdächtig, der Wissenschafter stand nie in irgendeinem Kontakt zur Estag oder dessen Umfeld. In diesem Sinne formulierte Schöpfer in einer ersten Stellungnahme auch sein Credo: "Ich werde versuchen, die Wirtschaft wieder aus der Politik zu lösen. Wir sollen auch nicht weiter in den Wunden wühlen und uns autistisch mit uns beschäftigen." Er wolle wieder Optimismus streuen.

Schöpfer engagierte sich bisher nur am Politikrande, in ganz anderen gesellschaftspolitischen Gefilden, etwa als Chefredakteur der Kulturzeitschrift steirische berichte oder in der Europarats-Kommission gegen Rassismus und Intoleranz. Als Obmann des "steirischen Gedenkwerkes Josef Krainer" dockte er erstmals eng an den inneren Zirkel der ÖVP an. Schöpfer wurde zuletzt von Klasnic beauftragt, am Aufbau eines Medienclusters mitzuwirken. Als Wissenschafter konzentrierte sich Schöpfer in den letzten Jahren auf die Altersforschung. Dass Klasnic gewillt ist, die Estag-Agenden an sich zu ziehen, wird parteiintern als weiterer Versuch gewertet, die Affäre zur Chefinnensache und somit in den Griff zu bekommen. Zudem kann Klasnic damit rechnen, dass die Estag im Wahljahr 2005 wieder aus dem Schneider ist. (Walter Müller, Der Standard, Printausgabe, 09.04.2004)

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    Gerald Schöpfer, Leiter des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmens­geschichte und künftiger steirischer Wirtschafts­landesrat

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