Navigatoren an der Kompassnadel

7. April 2004, 19:09
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"Nur keine Angst!" als Motto und Wegweiser in eine sich mit der EU-Erweiterung noch im Verlauf des Niederösterreichischen Donaufestivals weiter verändernde Welt

Korneuburg/Krems - Die Donau befindet sich unleugbar immer im Fluss. Da richtet selbst der hartnäckigste Stillstand nichts aus. Auch nicht jener, der in die barocken Industrieruinen in den Häfen eingekehrt ist. Dass in der ehemaligen Voest-Werkshalle in Krems oder in der Alten Werft in Korneuburg wieder "aufgedreht" wird, ist aber allein dem dort alljährlich im Frühling stattfindenden Donaufestival zu verdanken.

Kunst passiert eben immer dort, wo man nicht vermutet, dass sie es tut, meint Eva Hosemann. Im Fall des Niederösterreichischen Donaufestivals, dem sie gemeinsam mit Stephan Bruckmeier heuer zum vierten und letzten Mal als künstlerische Leiterin vorsteht (Nachfolger ist der Salzburger Komponist Thomas Zierhofer-Kin), könnte das auch heißen: Bewegung und Belebung dort erzeugen, wo eine Kulturlandschaft zunächst einmal scheinbar nur Ruhe verströmt.

"Wir haben nie außer Acht gelassen, wo wir sind", sagt Hosemann. Und so wurden neben der Kunst auch Menschen in ihrem Leben aufgespürt. Die Eröffnung der Werkshalle in Korneuburg mit Didi Bruckmeier im Jahr 2001 beispielsweise hat viele Ex-werftarbeiter mobilisiert. "Am darauf folgenden Tag hat mich einer angesprochen", erzählt Hosemann. "Ich dachte, er wird mich schimpfen, weil's so laut war. Aber er sagte: ,Gestern war's so schön. Die Werft hat endlich wieder gedröhnt!'"

Für so ein Gelingen muss man den Menschen dicht auf den Fersen sein. Dafür braucht man Seismografen, und genau das müssen Künstler sein, so Hosemann. Als Festivalleiter wird man den Konflikten üblicherweise im Flugzeug hinterherfliegen, denn "vielleicht arbeiten die Isländer gerade an ähnlichen Aufgaben wie wir".

Dafür hat sich das Donaufestival aufgetan: um ein Verknüpfungspunkt zu sein, Leute zusammenzubringen, die in unterschiedlichen Weltteilen in einer letztlich immer noch großen Welt mit gleichen Problemen befasst sind.


Keine Ost-Blockbuster

Die titelgebende Donau, die - geradezu festivalgenuin - einen länderübergreifenden Kulturraum beschreibt, war vor allem zu Alf Kaulitz' vorangehender Intendanz Herzanstoß vieler Veranstaltungen. Im Gefolge dieser vor allem nachbarstaatlich determinierten Ära stellt die verstärkt international ausgerichtete Programmierung Bruckmeiers und Hosemanns (von St. Petersburg bis Montreal) keine Themen, sondern nimmt lieber Tendenzen auf: "Nur keine Angst!", das heurige Motto, darf in diesem Sinn als beruhigender Wegweiser durch eine sich verändernde und im Zuge der Ostöffnung gerade hierzulande vergrößernde Welt gesehen werden.

Und wer im Festivalkatalog die dazupassenden ultimativen Ost-Blockbuster vermisst, dem sagt die Intendantin: "Die Erweiterung thematisieren wir nicht mit neuen Ländern oder deren Kunst, sondern über einen strukturellen Zugang. Und zwar in den von uns präsentierten Produktionen Fragen aufgreifen: Was heißt das, die Welt wird größer, was löst das aus? Man sollte mit Fremdheit auch konfrontieren dürfen. Denn schließlich sind uns Dinge fremd. Das ist eine Tatsache: Es riecht anders, es schmeckt anders, es sieht anders aus. Wenn ich diese Distanz formulieren darf, kann ich mich damit auch befassen. Genau hier setzen wir die Kompassnadel an." Beispiele Hosemanns: Italienische Huren haben Angst vor slowenischen; deutsche Arbeiter haben Angst vor polnischen.

Strukturen der Ausgrenzung: Da gehört, weil's auch jubiläumstechnisch passt, die vor zehn Jahren offiziell abgeschaffte Apartheid mit ins Programm - und, nicht zu vergessen, das einjährige Ende des Irakkrieges. Festivalleiter wollen eben alles richtig machen. Eine mit vereinten Kräften aus Bludenz und Mosambik gezauberte Romeu e Julieta-Produktion läuft da ebenso vom Stapel wie das unter dem einladenden Sigle "Café Bagdad" subsumierte Performancepaket zum Mittleren Osten. Am 16. April wird mit der Eröffnung des Donaufestivals durch Rainer Gottemeiers Lichtinstallation "Seelewaschen" (ein "aquatisches" Kunstwerk mit Musik von Karlheinz Essl) die Ufergegend für drei Wochen in einen anderen Zustand kippen.

"Das können diese Gegenden wirklich brauchen", sagt die "radikale Stadtmenschin" Hosemann weniger missionarisch als vielmehr mit dem Herzen einer leibhaftigen Zirkusdirektorin, während im Hintergrund bizarrerweise ausgerechnet der Donauwalzer ertönt.
(DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2004)

Von
Margarete Affenzeller
  • Mit "Seelewaschen", einer Lichtinstallation von Rainer Gottemeier, wird - passend aquatisch - das Donaufestival am 16. April eröffnet.
    foto: donaufestival

    Mit "Seelewaschen", einer Lichtinstallation von Rainer Gottemeier, wird - passend aquatisch - das Donaufestival am 16. April eröffnet.

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