Brennender Irak

7. April 2004, 17:37
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Ein Jahr nach dem Fall Bagdads müssen die USA das Land ein zweites Mal erobern - von Gudrun Harrer

Die einzige Gnade, die den Amerikanern im Irak noch gewährt war, nämlich die zeitliche Staffelung der Probleme und Katastrophen, mit denen sie konfrontiert sind, ist nun auch verloren gegangen. Jetzt brennt es an allen Ecken und Enden gleichzeitig. Im Süden ist eine Stadt in der Hand von schiitischen Rebellen, in Falluja im Zentrum gibt es Schlachten mit dem sunnitischen Widerstand - mit einem hohen Blutzoll unter Zivilisten -, bei Kirkuk im Norden Tote bei Auseinandersetzungen zwischen US-Armee und Demonstranten. Ein Jahr nach dem Fall Bagdads am 9. April und keine drei Monate, bevor die USA die irakische Souveränität noch rechtzeitig vor den Präsidentschaftswahlen abstoßen wollen, müssen sie den Irak ein zweites Mal erobern.

Die Aussichten auf Erfolg sind schlecht: Zwar werden die irakischen Widerständler - noch immer eine kleine Minderheit, die jedoch wächst - die US-Truppen bestimmt nicht aus dem Land zwingen können (das können nur die Amerikaner selbst). Aber eine Befriedung in näherer Zukunft ist kaum zu erreichen und schon gar nicht, was sich die US-Regierung darüber hinaus für den Irak vorgenommen hatte: ein stabiles Land, in dem die USA als willkommene Gäste ihren Einfluss geltend machen, den die von der Mehrheit der Bevölkerung gestützte US-freundliche Regierung dankend annimmt.

Ganz im Gegenteil, beim jetzigen Stand der Dinge muss man froh sein, wenn sich nicht die allerschlimmsten Szenarien bewahrheiten: anhaltender Guerillakrieg im ganzen Land mit punktueller Kooperation der disparaten Gruppen, die zu einem späteren Zeitpunkt, wenn es an die Verteilung der Pfründe geht, in einem blutigen Bürgerkrieg aufeinander losgehen. Die Hoffnung, dass es sich um ein von Regime-Resten gesteuertes letztes Aufbäumen zum Jahrestag handelt, sollte jedenfalls niemand haben - im Irak geht es längst um etwas ganz anderes. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2004)

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