Markt der Angst und Hoffnung

27. Juli 2004, 17:41
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Japans spezieller "China-Faktor": Mehr als 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Verhältnis zum großen Nachbarn alles andere als problemlos

Tokio - Brennende‑ japanische Flaggen und beschädigte Hondas in Peking. Chinesen, die in ganz Tokio keinen Taxifahrer finden, der sie einsteigen lässt: nicht etwa Szenen aus der ferneren Vergangenheit, sondern vom März dieses Jahres.

Schon geringe Anlässe wie der jüngste Streit um einige wertlose Felsen im ostchinesischen Meer genügen, um zu zeigen: Die Beziehung zwischen Japan und seinem großen Nachbarn China ist auch heute, mehr als 60 Jahre nach der Besetzung im Zweiten Weltkrieg, noch alles andere als problemlos.

Und das wirtschaftliche Verhältnis Japans zu China ist noch komplizierter: Zum einen ist China für Japan der Absatzmarkt der Zukunft. Zwei Drittel des Exportwachstums und ein wichtiger Teil des Wirtschaftswachstums Japans von 6,4 Prozent im vierten Quartal 2003 (auf Jahresbasis) waren auf Lieferungen nach China zurückzuführen. Die EU ist bereits auf den dritten Platz nach den USA und China in der Rangfolge der wichtigsten Märkte zurückgerutscht.

Japanische Unternehmen gehen nach China

Doch die schnelle Entwicklung Chinas habe darüber hinaus dazu geführt, dass viele japanische Unternehmen ihre Produktionen nach China auslagern - und zwar nicht nur "verlängerte Werkbänke", wo billige Arbeitsplätze zählen, sondern auch wertvolle Forschungs- und Entwicklungsabteilungen.

"Das ist ein Trend, der sicher mit großer Aufmerksamkeit zu beobachten ist", meint dazu ein Vertreter des Wirtschafts-, Handels-, und Industrieministerium Meti. China mit seinen 1,4 Milliarden Menschen könnte zwar ein immer wichtigerer Markt für die japanischen Konzerne werden - allerdings hauptsächlich für die chinesischen Niederlassungen. "Für die volkswirtschaftlich relevante Inlands-Wertschöpfung kann das bedenklich werden."

Ein riesiger Markt für japanische Produkte, die alle von Chinesen in China erzeugt werden - kein wirklich beruhigendes Szenario für Japans Wirtschaftspolitiker.

Forschungseinrichtungen wandern ab

Besonders bedenklich scheint es offiziellen Stellen, wenn auch bisher streng gehütete Konzern-Forschungseinrichtungen nach China abwandern - in ein Land, das aus japanischer Sicht noch viel zu wenig tut, um Patente und Marken nach internationalem Recht zu schützen.

Japans Handelsorganisation Jetro hat bereits ein 106 Seiten starkes Buch herausgegeben, dass scheinbar Hunderte japanische Produkte abbildet, vom Sony-Handy bis zum Honda-Motorrad. Alle diese Produkte sind allerdings chinesische Fälschungen - in einer Qualität, die den japanischen Managern zunehmend schlaflose Nächste bereitet.

"China holt sich unser Know-how, baut die Dinge nach und schmeißt uns dann lächelnd wieder hinaus", zittert ein Automanager. (DER STANDARD Printausgabe, 08.04.2004, Michael Moravec)

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    Chinesische Aktivisten demonstrieren gegen die Verhaftung von sechs Chinesen, die eine kleine Insel in der Chinesischen See besetzt hatten.

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