"30 Sekunden im Delirium"

7. April 2004, 19:29
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Chelsea-Coach Claudio Ranieri nach dem Raus­wurf Arsenals außer sich - Mythos Real Madrid nach übermenschlicher Leistung der Mone­gassen stark angeknackst

Monte Carlo/London - Sensations-Dienstag in der Fußball-Champions League! Trotz Top-Ausgangspositionen nach den Viertelfinal-Hinspielen verspielten die Favoriten Arsenal und Real Madrid mit überraschenden Niederlagen ihre Semifinal-Plätze - an ihrer Stelle zogen die Außenseiter Chelsea und AS Monaco in die Runde der letzten vier ein und ermitteln am 20. April und 5. Mai einen Endspielteilnehmer für den großen Showdown am 26. Mai in Gelsenkirchen in der Arena AufSchalke. "Russischer Charakter" habe Chelsea zum 2:1-Sieg in Highbury verholfen, lobte Mäzen Roman Abramowitsch und im Fürstentum streckte Prinz Albert nach der 3:1-Gala im Stade Louis II begeistert seinen Fan-Schal in die Höhe.

Abramowitsch: "Nun warten wir auf Monaco"

Trotz 17 sieglosen Spielen gegen Arsenal und 0:1-Pausenrückstands drehte Chelsea mit einer begeisternden zweiten Hälfte den Spieß um und entschied das Londoner Duell für sich. "Chelsea hat großartig gespielt und ich denke, dass die Mannschaft den russischen Charakter gezeigt hat, wie sie sich verteidigt, gekämpft und gewonnen hat", freute sich Öl-Tycoon Abramowitsch. "Das ist ein großartiges Resultat. Nun warten wir auf Monaco."

Ranieri: "Verrückt vor Freude"

Claudio Ranieri drohte gar auszuflippen. "Ich bin verrückt vor Freude. Ich war 30 Sekunden im Delirium. Alles ist nun möglich", sprudelte es aus dem Italiener heraus. Viele rechneten bereits mit seiner Ablöse, nun gilt er plötzlich für die nahe Zukunft als unkündbar. Bei Arsenal hingegen regierte der Frust, denn innerhalb kürzester Zeit wurde die Chance auf ein mögliches Triple verspielt - nun ist "nur" noch die Meisterschaft möglich.

"Vom Triple zum Trouble"

Am Samstag blieben die Gunners im FA Cup-Semifinale gegen Manchester United auf der Strecke, aber nach der Führung durch Jose Antonio Reyes in der Nachspielzeit der ersten Hälfte schien die Champions League weiter in Reichweite. Doch Frank Lampard (51.) und Wayne Bridge (87.) ließen die europäischen Träume von Arsenal platzen. "Wenn du einmal an die Wand prallst, dann dauert es einige Zeit bis du dich wieder erholst", musste auch ein geknickter Arsene Wenger zugeben. "Vom Triple zum Trouble. Das ist kein Schwanken mehr, sondern eine echte Krise. Arsenals Saison ist ruiniert", schrieb der "Daily Mirror".

Morientes, ein Genießer

So wie Arsenal sah auch Real gegen AS Monaco nach einer 1:0-Führung durch Raul (36.) wie der sichere Aufsteiger aus. Auf die Hausherren setzte da nach der 2:4-Niederlage in Madrid keiner mehr. Aber Ludovic Giuly (45+1. und 66. Minute/Supertor mit der Ferse) und Ex-Real-Publikumsliebling Fernando Morientes (48.) ließen die schwache Real-Abwehr erzittern. Im Finish war für die "Galaktischen" sowohl ein Debakel als auch der Anschlusstreffer, der zum Aufstieg gereicht hätte, möglich. "Ich bin ein Profi und genieße diesen Sieg", meinte der von Real verliehene Morientes, dem "Marca" eine "süße Rache" attestierte.

"Real löste sich auf wie ein Stück Zucker"

"As" stellte nach dem bitteren K.o. der "Königlichen" fest: "Real löste sich auf wie ein Stück Zucker." Nicht weniger hart fiel das Urteil von "El Pais" aus: "Der Mythos Real Madrid ging den Bach runter in einem Stadion, das aus Pappe scheint. Es war das enttäuschendste Real seit Jahren." Das Aus lässt auch den Trainerstuhl von Carlos Queiroz wackeln. Selbst wenn Real die Meisterschaft gewinnt, scheint sein Verbleib nicht mehr sicher. "Über die Zukunft von Queiroz werden wir noch sprechen", kündigte Sportdirektor Jorge Valdano vielsagend an. Inzwischen wird sogar das Konzept von Präsident Florentino Perez in Frage gestellt, jedes Jahr einen neuen Top-Star ausschließlich für die Offensive zu verpflichten. Mit dem K.o. in Monaco verpasste Real erstmals seit 1999 das Halbfinale.

Deschamps: "Übermenschliche Leistung"

Als "übermenschliche Leistung" beschrieb Monacos Trainer Didier Deschamps den Auftritt seiner Mannschaft, die physisch und psychisch "über ihre Grenzen" gegangen sei. "Die Spieler haben ein hervorragendes Kapitel für Monaco und den französischen Fußball geschrieben", sagte der Ex-Welt- und Europameister sichtlich gerührt.

Dabei standen die Monegassen vor einem Jahr noch vor einem Scherbenhaufen. Der Vizemeister war zunächst wegen einer riesigen Schuldenlast zum Zwangsabstieg verurteilt worden. Erst nach einer Entscheidung der Berufungs-Kommission des nationalen Verbandes blieb der Verein in der obersten Liga, wurde allerdings unter "finanzielle Aufsicht" gestellt. Nun wird in der Champions League das große Geld verdient. (APA/Reuters/dpa/AFP/red)

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    Der AS Monaco schrieb ein weiteres Kapitel Fußball-Geschichte. Real Madrid blamierte sich im Fürstentum. Zinedine Zidane wirkte deswegen ziemlich geknickt.

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    Für Arsenal und seinen Star-Stürmer Thierry Henry heißt es nun kleinere Brötchen backen. Statt dem erhofften Triple ist für die Gunners nur noch der Meister-Titel möglich.

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