Pressestimmen: "USA in der Sackgasse"

8. April 2004, 13:56
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Löst Vorgehen gegen Schiiten eine Kettenreaktion aus?

Zürich/Berlin/Rom/Paris - Die neuerliche Gewalteskalation im Irak steht am Mittwoch im Zentrum zahlreicher europäischer Pressekommentare:

"Neue Zürcher Zeitung":

"Die amerikanische Führung suchte den massiven Rückschlag, den die drohende zweite Widerstandsfront der militanten Schiiten darstellt, zu überkleistern. Die Besetzer brachten sich freilich selbst unter Zugzwang, was angesichts des heranrückenden Termins einer geordneten Machtübergabe am 1. Juli einige Risiken birgt. Anders als die sunnitische Guerilla, auf die es wohl nur eine militärische Antwort gibt, fand sich die breite Mehrheit der Schiiten bisher zur Zusammenarbeit im Geiste konstruktiver Kritik bereit. Das unterstreichen die Amerikaner, wenn sie jetzt die Sichtweise eines 'Schiitenaufstands' zurückweisen (...) Doch die Unterdrückung hat bisher unter den Schiiten schätzungsweise schon hundert Tote gefordert. Und je mehr die Besetzertruppen plakative Ziele verfolgen und auf der Straße auf schiitische Störenfriede schießen, desto stärker wird die Abneigung der ohnehin skeptischen Geistlichen gegen die Amerikaner."

"Handelsblatt":

"Die Reißbrett-Planer im Weißen Haus haben sich alles so schön ausgemalt: Im Irak geht die Geburt einer Retorten-Demokratie einigermaßen glimpflich über die Bühne. Der US-Aufschwung greift zunehmend auf den heimischen Arbeitsmarkt über. Und George W. Bush gewinnt am 2. November die Wahl. Zumindest die Irak-Hypothese stimmt nicht mehr - und damit wackelt die gesamte Gleichung der Bush-Leute. Denn die Lage am Golf ist kein rein außenpolitisches Ereignis: Sie beeinflusst das Verbrauchervertrauen weltweit und wird damit zu einem handfesten Konjunkturfaktor. Auch die globalen Finanzmärkte reagieren auf die leisesten Erschütterungen an der Terrorfront. Die amerikanische Regierung wird zum Opfer ihrer holzschnittartigen Politik, die allzu oft auf eindimensionale Feindbilder setzte: Gestern waren es noch die 'sunnitischen Elemente' - unverbesserliche Saddam-Anhänger -, die bekämpft werden sollten. Heute ist es der schiitische Geistliche Muktada al Sadr, der zum Sündenbock gestempelt wird. Die Administration hat sich selbst in eine Sackgasse manövriert: Geht sie zu rabiat vor, riskiert sie einen Flächenbrand, der schnell die gesamte schiitische Bevölkerungsmehrheit erfassen könnte. Eskalation, Bürgerkrieg, Terrorgefahr lauten die explosiven Bausteine einer möglichen Kettenreaktion."

"Stuttgarter Zeitung":

"An den Schiiten und ihren Führern führt kein Weg vorbei. (...) Die US-Regierung weiß das, und handelt doch nur bedingt danach. Zum einen reagiert sie auf schiitische Geistliche paranoid, seitdem die iranischen Mullahs die USA 1980 aus dem Land geworfen haben. Zum anderen wollen die Schiiten einen anderen Irak als Washington. "

"Berliner Zeitung":

"Eine Alternative wäre die beste und zugleich schlechteste für die Amerikaner: Nichts wie raus aus dem Irak, müsste die Parole lauten. Ihr deklariertes Hauptziel, den Sturz Saddam Husseins und seines Regimes, haben die USA erreicht und den Irakern, der Menschheit, den Menschenrechten und der Demokratie einen Gefallen getan. (...) Die Demokratisierungspläne für den Nahen Ostens allerdings wären dann vollends gescheitert, die Bush-Regierung und die USA als Hegemonialmacht blamiert."

"La Repubblica" (Rom):

"So laufen wir Gefahr, den Krieg zu verlieren. Nicht nur den Kampf im Irak, sondern auch die strategische Konfrontation mit dem islamischen Terrorismus. Ein Jahr nach dem Fall Saddams haben es die USA nicht geschafft, Herr des irakischen Puzzlespiels zu werden. Die diversen Fronten werden immer mehr: Zunächst die sunnitischen Rebellen; dann die durch die porösen irakischen Grenzen eingesickerten Terroristen; und nun die schiitischen Hitzköpfe, vom jungen und ehrgeizigen Prediger Muktada al Sadr von der Leine gelassen. Fehlen nur noch die Kurden, die derzeit dem Spektakel des in Flammen geratenen Irak zusehen und dabei ihre Einflusszonen ausweiten und ihre faktische Unabhängigkeit konsolidieren."

"Corriere della Sera" (Mailand):

"Die wirkliche Gefahr ist, dass es auch für eine politische Deckung der Vereinten Nationen im Irak jetzt zu spät sein könnte. Dass auch der Schirm der UNO nicht mehr in der Lage wäre, die teuflische Spirale aus Besatzung, Revolte und Guerillakrieg zum Stillstand zu bringen. Was dagegen jetzt helfen würde, wäre, was den Westen angeht, eine wirklich gemeinsame strategische Vision. Was helfen würde, wäre das Bewusstsein, dass man den Kurs ändern muss, diesmal gemeinsam, mit Mut und Fantasie, und dabei sogar die moderaten arabischen Staaten mit einbezieht sowie in Bagdad glaubwürdige politische Führer und politische Strukturen lokalisiert. Und zwar schnell."

"Le Monde" (Paris):

"Kurz gesagt: Die USA können es sich nicht erlauben, die Schiiten zu verlieren. Doch die Beziehungen zu dieser Gemeinschaft zeigen die ganze Zweischneidigkeit des amerikanischen Vorhabens: 'Demokratie auferlegen'. Die Mehrheit der Schiiten, die sich in Großayatollah Ali Sistani wiedererkennt, ist gegen die kürzlich vorgelegte provisorische Verfassung. Sie lehnt diese ab, weil sie nicht die Scharia als einzige Rechtsquelle einführt. Wenn die Kämpfe weitergehen oder gar ausufern sollten, könnte dies aus Solidarität zu einer Mobilisierung der gesamten schiitischen Gemeinschaft gegen die Amerikaner führen und letztere in eine unhaltbare Position bringen." (APA/dpa)

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