Mediziner schlagen Alarm: Kokain EU-weit im Vormarsch

8. April 2004, 11:43
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Gründe: Mehr "Schnee" auf dem Schwarzmarkt, Preisverfall und leichte Verfügbarkeit - Gefährlichkeit werde unterschätzt

Mehr "Schnee" auf dem Schwarzmarkt, ein Preisverfall und die leichte Verfügbarkeit machen Kokain zu einem immer größer werdenden Problem in ganz Europa. Zu diesem warnenden Schluss kommt die erste wissenschaftliche EU-Studie zum Thema Kokain, die am Dienstag von der Medizinischen Universität Wien präsentiert wurde.

Expertenschätzungen zufolge haben in Österreich zwei Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren schon einmal Kokain probiert - das sind 130.000 Menschen. Im Rahmen der zweijährigen Forschungsarbeit kristallisierten sich drei grundsätzliche Gruppen von Kokainkonsumenten heraus, erklärte die österreichische Studienverantwortliche Prof. Gabrielle Fischer von der Uniklinik für Psychiatrie:

  • Szene-Gruppe: Schwerstabhängige, die alle möglichen Drogen nehmen, weder in Behandlung stehen, noch berufsfähig sind. Durchschnittsalter: 29 Jahre. Kokain wird fast immer intravenös konsumiert und das im Schnitt 22-mal pro Monat. Allein dafür müssen monatlich 1968 Euro aufgebracht werden.
  • Treatment-Gruppe: Abhängige Patienten in einer Heroin-Substitutionstherapie, die zusätzlich Kokain schnupfen oder spritzen. Durchschnittsalter: knapp 28 Jahre. Monatliche Kosten: 862 Euro.
  • Party-Gruppe: Sozial integrierte Personen, die vor allem am Wochenende Kokain entweder nasal konsumieren oder rauchen. Durchschnittsalter: 25 Jahre. Der Freizeitkonsum schlägt sich mit 588 Euro pro Monat zu Buche. Beruflich sind die Konsumenten zwar etabliert, sie brauchen aber bis zu acht Krankenstandstage pro Monat.
  • Grundsätzlich werde die Gefährlichkeit von Kokain massiv unterschätzt, warnte Fischer. Das Extrakt der Kokapflanze, aber auch synthetisch hergestelltes "Koks", sei zellschädigend, könne zu Herzinfarkten und Schlaganfällen führen und verursache manisch-depressive oder aggressive Verstimmungen.

    "Kokainsprechstunde"

    Die hohen Kosten, mit denen schwer Suchtkranke konfrontiert sind, werden zunehmend über Beschaffungskriminalität finanziert. Oder durch Prostitution. "Wir haben es immer öfter mit sehr jungen Abhängigen zu tun, die auf dem Straßenstrich ausgenützt werden", berichtete der Kinder- und Jugendpsychiater Max Friedrich. Die folgenschwere Situation: "Für ungeschützten Sexualverkehr gibt es das meiste Geld."

    In der EU-Studie sind zehn Städte vertreten. Das größte Kokainproblem haben demnach die Hafenstädte Barcelona und Hamburg, Wien liegt im Mittelfeld, nur in Stockholm ist Kokain kaum verbreitet. Als erste Konsequenz richtet die Medizinische Universität nun eine telefonische "Kokainsprechstunde" ein. Ab 19. April, jeweils montags von 16 bis 17 Uhr: [TEL] 0664/495 31 49 (Michael Simoner/DER STANDARD; Printausgabe, 7.4.2004)

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