Das aktuelle Buch: Die Toten von Leticia

24. April 2004, 16:40
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Ein realer Krimi aus dem Amazonasgebiet

Vor zehn Jahren reiste der deutsche Journalist Thomas Kistner zum ersten Mal in das Amazonasgebiet im Dreiländereck Kolumbien-Brasilien-Peru. Die Geschichten, die ihm dabei zugetragen wurden, klangen schier unglaublich: Drogenbosse machten Jagd auf Indios, benützten die Leichen für medizinische Experimente und betrieben im Dschungel einen florierenden Handel mit menschlichen Organen...

Das dunkelste Kapitel

Kistner, der als Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung arbeitet, begann gemeinsam mit seinem Kollegen Georg Schultz zu recherchieren. Als Ansporn diente ihm unter anderem ein Zettel eines ehemaligen kolumbianischen Botschafters, auf dem nur ein Satz stand: "Das dunkelste Kapitel unserer Geschichte fand bei Leticia im Dreiländereck statt." Tatsächlich wurden in und um die Grenzstadt Leticia immer wieder entstellte Leichen gefunden. Und immer wieder trafen Kistner und sein Begleiter im Zuge ihrer Nachforschungen auf den Namen des Drogenbarons und Ex-CIA-Mitarbeiters Mike Tsalickis. Die Suche nach ihm und den Hintermännern führte die beiden immer tiefer in den Dschungel...

Der Leser wird in diese Spurensuche "hineingezogen": Das Buch liest sich wie ein Kriminalroman. Kistner kann am Ende das Rätsel aber nicht lösen. Der Verdacht, dass hier Kopfabschneider und Organräuber am Werk sind, erscheint zwar begründet, lässt sich aber nicht verifizieren. Die Hintergründe bleiben im Dunkeln.

Trotz dieses Mankos lohnt sich die Lektüre: Zum einen ist das Buch spannend geschrieben, zum anderen gibt es interessante Einblicke in eine Region, aus der sonst nur wenige Informationen in "unsere" Welt dringen. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2004)

von Alexandra Föderl-Schmid


Thomas Kistner
Die Toten von Leticia.
Organraub, Kokainschmuggel, Menschenjagd am Amazonas
DVAt, München 2003
170 Seiten, 20,50 Euro
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