Schöngesang als Schwerarbeit

9. April 2004, 12:04
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Starbariton Thomas Quasthoff bezeichnet im Gespräch mit dem STANDARD den Gesang als den ursprünglichsten Ausdruck des Menschen

Seinen Amfortas bei der morgigen "Parsifal"-Premiere sei, so Quasthoff, sein eigentliches Operndebüt.


Wien - Nolens volens sind Thomas Quasthoffs Konzertauftritte zumindest in den ersten Augenblicken ein Zweifrontenkrieg. Anders als seine Kollegen braucht er sein Publikum nicht nur durch seinen Gesang zu gewinnen und zu unverwechselbaren Erlebnissen zu verführen. Quasthoff muss darüber hinaus aber auch noch den Voyeurismus stoppen, den der Anblick eines schwer behinderten Sängers im Auditorium zunächst einmal weckt.

Dieser zweite Auftrag ist vielleicht der Grund für die Intensität seiner Gestaltungen, mit denen er seine Zuhörer unentrinnbar in seinen Bann zieht. Diese interpretatorische Magie entspringt Quasthoffs singulärer Gabe, "möglichst nahe an die Emotionen zu kommen", und seinem "Mut, diese auch zu zeigen".

Quasthoff: "Simon Rattle hat diesen Mut auch. Und wenn dann mehrere solche zusammenkommen, dann kann es schon zu außerordentlichen Ergebnissen kommen, die dann doch etwas über einem wohl gemeinten Kirchenkonzert liegen. Wobei ich wirklich nichts Schlechtes über wohl gemeinte Kirchenkonzerte gesagt haben möchte."

Kann sein, dass es gerade Quasthoffs Behinderung und seine durch dieses Defizit erheblich erschwerte Jugend waren, die den mittlerweile 44-Jährigen schneller als andere zu seiner unverwechselbaren Identität finden ließen.

Dass er sie im Gesang findet, ist für Quasthoff das Selbstverständlichste, ist für ihn der Gesang doch "der ursprünglichste Ausdruck des Menschen - emotional, aber auch als Verständigung". Und weil sich Emotionen nie exakt wiederholen lassen, liegt auch in jeder Interpretation immer wieder aufs neue ein "Quäntchen Unberechenbares", ohne das, "wenn alles immer ganz genau abrufbar wäre", er gar nicht singen würde.

Quasthoff: "Singen ist schwere Arbeit. Da redet man immer von den hohen Gagen der Sänger. Doch erstens bekommt man sie ja nicht alle Tage. Zweitens muss ich 72 Prozent davon an Steuer und Provision an die Agentur abgeben. Ich beklage mich ja nicht. Ich sage nur, es ist harte Arbeit."

Zu dieser zählt für ihn auch der Umgang mit der Kritik. Immerhin wird er gegenüber dem deutschen Feuilleton den Verdacht nicht los, es nicht zu ertragen, wenn es ein deutscher Künstler zu etwas gebracht hat: "Der wird niedergemacht."

Quasthoff: "Kritiken können schon wichtig sein. Als Joachim Kaiser einmal über mich schrieb, in zehn Jahren wird er die Winterreise anders singen, habe ich damals die Nase gerümpft. Nach und nach habe ich erst eingesehen, wie richtig viele seiner Anmerkungen waren.

Nach der ersten Durchlaufprobe mit Orchester ist Direktor Holender zu mir gekommen und hat ganz vorsichtig gefragt, ob er etwas sagen darf. Natürlich darf er. Kritik ist wichtig. Waren auch nur Kleinigkeiten, die er ausgestellt hat: dass ich nicht zur Seite singen soll, wie die Regisseurin es will, sondern zur Mitte, damit man mich gut hört, und dass ich mich an verschiedenen Stellen nicht im Takt der Musik wiegen soll."

Insgesamt fühlt sich Quasthoff bei den Parsifal-Proben sehr wohl. Zunächst hat ihm Regisseurin Christine Mielitz 40 Minuten lang über das Werk erzählt. "Es ist immens, was die Frau über das Stück weiß - einfach alles." Eine Anforderung, die Quasthoff nicht nur an die szenischen Gestalter, sondern auch an den Dirigenten und letztlich auch an jeden einzelnen Mitwirkenden stellt.

Quasthoff: "Nur wenn man einen Regisseur versteht, ist man in der Lage, seinen Anweisungen zu folgen. Hier in Wien fühle ich mich gefordert. Es gibt nichts Schöneres für einen Künstler, als sich gefordert zu fühlen. Beim Salzburger Fidelio im Vorjahr bin ich nur aufgetreten und wieder abgegangen."

(Nicht nur) nach Quasthoffs Meinung soll der Regisseur nicht sich selbst realisieren, sondern das Werk. So hat er bei einer Fledermaus-Vorstellung, zu deren szenischem Dekor auch ein Gynäkologiestuhl gehörte, in der Pause das Weite gesucht.

Quasthoffs selektive Zurückhaltung gegenüber verrenkten Modernismen bleibt nicht auf szenische Wiedergaben beschränkt, er übt sie auch gegenüber der modernen Musik und dem modernen Musiktheater insgesamt.

Quasthoff: "Bergs Wozzeck und die Lulu - aber was hat sich sonst aus dem neueren Opernschaffen wirklich durchgesetzt? Schönbergs Moses und Aaron vielleicht. Da ist der Rosenkavalier schon was anderes."

Zumindest in einer Plattenaufnahme möchte er sehr gerne einmal den Ochs singen. Zumal Strauss mit Wagner und Verdi für ihn die größten Opernkomponisten sind. Mit der Moderne hatte Quasthoff schon so manches Mal seine liebe Not. Aribert Reimann hat für ihn ein Zwölfminutenstück geschrieben.

Quasthoff: "Dann sag' ich zum Aribert, weißt du, dass ich für diese zwölf Minuten 100 Stunden probiert habe. Vor allem diese eine Stelle, an der vier Noten auf drei Taktschläge kommen, die ist immens kompliziert. Dann gab er mir glatt zur Antwort: ,Ach, das ist ja gar nicht so wichtig.' - Viele neue Werke machen so viel Arbeit, die man hinterher dann gar nicht hört." (DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2004)

Von
Peter Vujica
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    Probenfreuden für das Bühnenleiden: Thomas Quasthoff fühlte sich als Amfortas bei den Vorbereitungen zur morgigen "Parsifal"-Premiere an der Wiener Staatsoper wohltuend gefordert.

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