"Ordnungsfaktor" Bossi

6. April 2004, 18:09
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Silvio Berlusconi muss froh sein: Sein alter Freund scheint das Gröbste überstanden zu haben - von Christoph Prantner

Silvio Berlusconi muss froh sein - menschlich wie politisch. Sein alter Freund Umberto Bossi scheint das Gröbste überstanden zu haben. Montag erwachte der Lega-Nord- Chef aus dem Koma und machte sich - auch wenn das angesichts seines bisherigen politischen Werdegangs bizarr erscheinen mag - allein damit zu einem Ordnungsfaktor in der italienischen Innenpolitik. Waren die Leghisti noch vergangene Woche im Boykott und wüst mit ihren Regierungspartnern streitend aus dem Parlament gezogen, kehrt jetzt zumindest in einem Teil der römischen Rechtskoalition relative Ruhe ein.

Für die derzeitigen italienischen Verhältnisse bedeutet das schon einiges: Mögen Bossi und Berlusconi auch nicht mehr traut wie in alten Tagen in der Premiervilla von Arcore zu Abend essen, so hören sich vorerst wohl doch die auf den Unterleib der jeweiligen Koalitionspartner zielenden Schimpftiraden auf. Mit Bossis Erwachen enden fürs Erste auch die Diadochenkämpfe um dessen Nachfolge. Damit gibt es eine realistische Chance, dass alle Parteien des Centrodestra vielleicht nur mehr jeden zweiten Tag jeweils anderer Meinung sind - gleichgültig um welches Thema es sich handelt.

Berlusconi kann sich damit weiterhin seiner "Politik der vollendeten Tatsachen" (so sehen es die Regierungspartner von der Alleanza Nazionale) widmen: Während die EU wegen der Neuverschuldung Italiens einen blauen Brief nach Rom schickt, kündigt der Cavaliere vor allem den reichen Landsleuten eine Steuerreform im Volumen von sechs Milliarden Euro an. Ohne Rücksprache mit Koalitionspartnern will er Feiertage streichen. Und auf den Kanälen der staatlichen Rai verbittet sich der Premier Oppositionelle als Gäste in Talkshows, in denen er auftritt.

Dafür garantiert Bossi. Und zwar bis zu den Europawahlen im kommenden Juni. Da tritt die Lega außerhalb des Rechtsbündnisses an. Mit der Ordnung dürfte es dann wieder vorbei sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2004)

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