SPÖ ärgert sich über "Kopf-an-Kopf-Rennen"

24. April 2004, 12:16
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Benita Ferrero-Waldner will auf die Überholspur wechseln, die SPÖ protestiert: "Lügenpropaganda"

Benita Ferrero-Waldner sei Heinz Fischer bedenklich nahe gerückt, was die SPÖ für "Lügenpropaganda" hält. Dennoch macht sich Parteistratege Norbert Darabos Sorgen über die mangelnde Mobilisierung im eigenen Lager. Die SPÖ will jetzt "die Samthandschuhe ausziehen".

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Wien – "Selffulfilling Prophecy", also eine selbsterfüllende Prophezeiung, nennt man es, wenn eine oft wiederholte Ankündigung ihren Niederschlag in der Realität findet. Geht es nach den Strategen der ÖVP, ist dieses Phänomen im Präsidentschaftswahlkampf jetzt eingetreten.

"Aufholjagd"

Seit Wochen stilisiert die ÖVP ihre Benita-Kampagne zur "Aufholjagd" hoch, die in der Wahlkampfschlussphase in ein "Kopf-an- Kopf-Rennen" übergehen soll. Jüngste Umfragen scheinen diesen Trend nun zu bestätigen. Das ÖVP-nahe Fessel-GfK-Institut sieht Fischer in einer aktuellen Umfrage (1000er-Sample) bei 45, Ferrero bei 42 Prozent.

"Überholspur"

Grund für schwarzen Jubel: Kurt Bergmann, Sprecher des Komitees "Wir für Benita": "Unsere Kandidatin ist dabei, von der Aufholspur auf die Überholspur zu wechseln." Und Wahlkampfmanager Florian Krenkel meint sarkastisch: "Wir führen eben keinen Sofawahlkampf wie die SPÖ." Fessel-GfK-Forscher Rudolf Brettschneider interpretiert die neuen Zahlen so: "Der Meinungsbildungsprozess hat begonnen. Der Anteil der Unentschlossenen liegt nur mehr bei 15 Prozent."

"Lügenpropaganda"

Günther Ogris vom SORA- Institut, das die Umfragen für das Fischer-Team liefert, will keine aktuellen Daten nennen, gibt sich aber wenig überrascht über die aktuelle Entwicklung: "Ferrero lag schon im November vorne. Zwischendurch ist sie wegen ihres Neutralitäts-Zickzackkurses abgestürzt. Jetzt holt sie wegen der guten Mobilisierung der ÖVP eben wieder auf. Es war immer klar, dass das ein knappes Rennen wird." Die letzte SORA-Umfrage sah Fischer bei 54, Ferrero-Waldner bei 46 Prozent.

SPÖ-Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos, der auch für Präsidentschaftskandidat Heinz Fischer den Wahlkampf managt, hält das von der ÖVP kolportierte Kopf-an-Kopf- Rennen hingegen für "Lügenpropaganda". Aber er ist durchaus dankbar für diese Darstellung, sagt er. Denn unter den SPÖ-Funktionären habe sich eine Stimmung breit gemacht, wonach das Rennen ohnedies schon gelaufen sei. Darabos: "Das ist gefährlich. Es besteht die Gefahr, dass sich unsere Funktionäre zurücklehnen und nicht genug laufen."

"Unterste Schublade"

Nervös sei Darabos nicht. Die Umfragen, die ihm vorliegen, bescheinigen dem SPÖ-Kandidaten immer noch einen deutlichen Vorsprung. Allerdings muss auch er einräumen, dass ÖVP- Kandidatin Benita Ferrero- Waldner zuletzt etwas näher gerückt sei. "Ferrero-Waldner konnte beim ÖVP-Potenzial zulegen", sagt er. Die Nervosität sieht Darabos aber auf ÖVP-Seite. "Die Angriffe gegen unseren Kandidaten sind lächerlich. Heinz Fischer als Kryptokommunisten darzustellen ist wirklich unterste Schublade." Die SPÖ sei nicht mehr länger gewillt, diese Angriffe hinzunehmen. "Auch wir werden unsere Samthandschuhe ausziehen", sagt er.

Heiße Endphase

Nach den Osterfeiertagen beginnt nun die heiße Endphase im Präsidentschaftswahlkampf. Die ÖVP will Ferreros Sozialkompetenz noch mehr ins Zentrum rücken. Dazu passt, dass sie am Dienstag verkündete, auf eine Dienstwohnung zu verzichten. Sie wolle auch, dass das Bezügegesetz geändert wird, das dem Präsidenten eine bezahlte Amtswohnung garantiert. Im Übrigen konzentriert sich die ÖVP jetzt ganz auf ein perfekt inszeniertes Fernsehduell. Das einzige, wie Darabos für die SPÖ bedauert. Pressestunden sind nicht vorgesehen. ÖVP-Generalsekretär Reinhold Lopatka: "Die ORF-Debatte am 15. April ist für uns sehr wichtig." Ferrero, weniger sattelfest wie Fischer, darf hier keinen Fehler machen. Um wiederum mit Benitas Händeschüttelfrequenz mitzuhalten, will Darabos seinen Kandidaten auf eine abschließende Großtour schicken: in 80 Stunden quer durch Österreich mit Stopps in allen Bundesländern.

Aufholjagd hin oder her, bei den Wettbüros ist der SPÖ- Kandidat nach wie vor klarer Favorit. Er wird mit Quoten von 1,25 bis 1,4 gehandelt. Bei einem Sieg von VP-Kandidatin Benita Ferrero-Waldner ist hingegen der bis zu 3,2-fache Einsatz zu erwarten. (Barbara Tóth/Michael Völker/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.4.2004)

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    Heinz Fischer läuft, hält aber ein gemütliches Tempo. Benita Ferrero-Waldner sitzt dem SPÖ-Kandidaten bereits im Nacken. Im Finish werden beide noch zulegen.

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