Ex-UNO-General: "Der internationalen Gemeinschaft war Ruanda völlig egal"

9. April 2004, 19:15
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Romeo Dallaire kritisiert Weltgemeinschaft scharf - Ausländische Gesandte treffen zu Gedenkfeier in Kigali ein

Kigali - Der ehemalige Befehlshaber der UN-Friedensmission in Ruanda (UNAMIR) hat einen Tag vor dem offiziellen Gedenktag für den Völkermord einmal mehr schwere Vorwürfe gegen die Weltgemeinschaft erhoben. "Der internationalen Gemeinschaft war Ruanda vollkommen egal", sagte der inzwischen im Ruhestand lebende kanadische General Romeo Dallaire am Dienstag in der ruandischen Hauptstadt Kigali.

Auch zehn Jahre nach dem Völkermord gebe es kein Land, "das sich einfach entschuldigen und das ruandische Blut von den Händen waschen darf". Die Vereinten Nationen - und insbesondere Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten als ständige Mitglieder des UNO-Sicherheitsrats - hätten den Einsatz der UNAMIR nicht genügend unterstützt, kritisierte Dallaire. "Sie, ich und meine Soldaten sind im Stich gelassen worden."

Kritik an Abwesenheit von Kofi Annan

In Kigali drückten Hilfsorganisationen und Überlebende des Genozids ihren Unmut darüber aus, dass die UNO und der Westen nur Vertreter aus der zweiten Reihe zu der Gedenkfeier entsandt hätten. Es sei "eine Beleidigung", dass UNO-Generalsekretär Kofi Annan nicht selbst nach Ruanda komme, sagte ein Mitarbeiter des UNO-Büros in der ruandischen Hauptstadt, der anonym bleiben wollte.

Der Leiter der nichtstaatlichen Organisation Aegis Trust, Stephen Smith, äußerte scharfe Kritik am Fernbleiben ranghoher Vertreter bei der Gedenkfeier: "Es ist abscheulich, es ist entsetzlich, es ist eine Schande." Einer der Überlebenden sagte: "Jeder, der eine Verantwortung an den Ereignissen trug, sollte sich die Zeit nehmen, zu kommen."

Belgien entsandte als ehemalige Kolonialmacht rund 200 Vertreter nach Kigali. Der belgische Regierungschef Guy Verhofstadt forderte bei seiner Ankunft ein "breit gefächertes Programm" für das ostafrikanische Land. Die internationale Gemeinschaft müsse sich stärker einsetzen. "Was bisher getan wurde, reicht nicht aus."

Während des Völkermordes von April bis Juni 1994 starben nach UNO-Angaben 800.000 Menschen, nach Angaben der ruandischen Regierung eine Million Menschen. Entgegen der Anforderung von Dallaire weigerte der UNO-Sicherheitsrat sich damals, zusätzliche Blauhelmsoldaten zu entsenden und zog stattdessen einen Teil der Soldaten ab, nachdem am 7. April 1994 zehn belgische Blauhelmsoldaten ermordet worden waren. (APA)

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