Kokainproblematik in Wien verschärft sich

6. April 2004, 19:34
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Medizinische Universität präsentiert Ergebnisse einer EU-weiten Studie - "Kokainsprechstunde" wird eingerichtet

Die Kokainproblematik nimmt in Wien deutlich zu. Zu diesem Schluss kommt die Medizinische Universität, die neben neun anderen Städten an einer EU-Studie teilgenommen hat. Als Konsequenz wird ab dem 19. April eine wöchentliche, telefonische Sprechstunde an der Uni-Klinik für Psychiatrie eingerichtet, die Betroffenen beratend zur Seite stehen soll. Mit den Ergebnissen bewege sich die Bundeshauptstadt durchaus im europäischen Trend, stellte Gabriele Fischer als Leiterin der Studie bei deren Präsentation am heutigen Dienstag klar.

Drei Untersuchungsgruppen

Für die Studie wurden drei Untersuchungsgruppen befragt und deren Harn überprüft: Die so genannte Treatment-Gruppe, bestehend aus Drogenabhängigen, die sich in Behandlung befinden, der "Szene-Gruppe", also der schwerstabhängigen Straßenszene und der "Party-Gruppe", die sich aus sozial integrierten Wochenendkonsumenten zusammensetzt.

Probem der falschen Selbsteinschätzung

Während die Szenegruppe im Monat durchschnittlich fast 2.000 Euro für die Droge aufwendet, so sind es in der Partygruppe immerhin noch knapp 600 Euro, die monatlich versnifft werden. Das Problem bei Letzteren sei die falsche Selbsteinschätzung, betonte Fischer, was beispielsweise zu Autofahren unter Drogeneinfluss führe. Insgesamt sei die Kokainabhängigkeit ein mehrheitlich männliches Problem, wenn auch der Anteil der Frauen zulege, betonte Fischer.

Aus den Harnuntersuchungen ließe sich weiters ablesen, dass 1996 gut 33 Prozent der Abhängigen in Therapie nebenbei Kokain konsumiert haben, während dies 2002 bereits 53 Prozent waren. Dieser verstärkte Konsum deckt sich auch mit der Zahl der Anzeigen in Wien. Wurden 1998 wegen Kokainmissbrauchs noch 879 Anzeigen erstattet, so waren es 2003 bereits 2625, so Fischer.

Unerklärlicher Unterschied

Ein unerklärlicher Unterschied kennzeichnet Wien zusammen mit Budapest gegenüber den anderen Metropolen: Hier wird so gut wie kein Crack (mit Backpulver versetztes Kokain, das so schneller ins Gehirn gelangt) konsumiert. Woran dies liegen könnte, wusste auch Fischer nicht zu beantworten. Eventuell sei in Wien einfach genug Kokain vorhanden, weshalb man nicht darauf angewiesen sei, Crack herzustellen.

Höchster Konsum in Barcelona und Hamburg

Den höchsten Konsum weisen laut der Studie Barcelona und Hamburg auf, was die Medizinerin auf deren Lage als Hafenstädte und dem damit verbundenen erleichterten Zugang zur Droge erklärte. Es reihen sich danach London und Paris, worauf die anderen Städte, also auch Wien, ex aequo folgen. Einzige Ausnahme stellte hier Stockholm dar, wo es nicht gelang, Konsumenten für die Studie zu finden - was an der großen Popularität asiatischer Amphetamine in der skandinavischen Metropole liegen könnte.

Als erster Schritt wird deshalb ab dem 19. April immer montags zwischen 16.00 und 17.00 Uhr eine Telefonleitung (0664/4953149) für die Kokainsprechstunde freigeschaltet. Hier können sich Betroffene anonym bei Ärzten informieren und gegebenenfalls einen persönlichen Termin vereinbaren. Mit der neuen Einrichtung möchte man vor allem die "Party-Gruppe" ansprechen, die ansonsten nur schwer zu erreichen sei, betonte Kenneth Thau von der Uni-Klinik für Psychiatrie. (APA)

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    Die Kokainproblematik nimmt in Wien deutlich zu.

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