"Wir brauchen eine globale Behörde"

14. März 2005, 15:19
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Eric Frey sprach mit Christine Lagarde, Chefin der weltgrößten Anwaltskanzlei Baker & McKenzie, über das Verhältnis USA - Europa und die EU-Erweiterung

STANDARD: Was bedeutet es, als Französin an der Spitze einer amerikanischen Anwaltskanzlei zu stehen?

Lagarde: Ich bin Europäerin, und wir haben 40 Prozent unseres Geschäfts in Europa. Wir wurden zwar in Chicago geboren, aber während andere zu Hause blieben, sind wir in die Welt hinausgegangen. Wir haben heute 68 Büros in 38 Ländern. Wir stellen Teams aus aller Welt zusammen und konzentrieren uns auf internationale Klienten. Das ist unser Wettbewerbsvorteil.

STANDARD: Hat der internationale Anteil mit der Globalisierung zugenommen?

Lagarde: Ja. Wir haben heute mehr internationale Deals als vor zehn Jahren, mehr bilaterale Handelsabkommen, die Welthandelsorganisation (WTO) ist aktiver, und die Öffnung des riesigen chinesischen Marktes hat den Welthandel deutlich verstärkt.

STANDARD: Ein ständiger Krisenherd sind die transatlantischen Beziehungen. Wo sehen Sie hier die meisten Konflikte?

Lagarde: Die typischen WTO-Themen - also Marktzugang, Senkung von Zöllen und Handelsschranken. Und ich rede nicht nur von französischer Gänseleber, die jetzt in den USA heftig besteuert wird. Ein wichtiges Beispiel sind die jüngsten EU-Sanktionen gegen die Steuervorteile für US-Exporte. Zum Glück gibt es die WTO, die Regeln und Schiedssprüche erlässt, die auch umgesetzt werden. Das ist ein großer Fortschritt.

STANDARD: Stellt nicht die unterschiedliche Wettbewerbspolitik einen großen Konfliktherd da - siehe die von der EU untersagte Fusion von General Electric und Honeywell oder die Rekordstrafe für Microsoft?

Lagarde: EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti hat mir dazu jüngst in Davos gesagt: Jeder spricht von GE/Honeywell, aber niemand von den Hunderten Entscheidungen in den USA und der EU, die parallel ablaufen und zu den gleichen Ergebnissen kommen. Auch wenn die Prinzipien etwas anders sind, wird intensiv miteinander kooperiert. Ich habe Monti gefragt: Warum fusionieren wir nicht einfach die Wettbewerbsbehörden der USA und der EU?

STANDARD: Und, wird das so geschehen?

Lagarde: Eines Tages werden wir eine globale Behörde haben. Es geht nicht, dass die Finanzmärkte und Unternehmen global agieren, ohne dass es globale Regeln und Prinzipien gibt. Beim Wettbewerb, in der Umwelt und im internationalen Strafrecht sollte eine übergeordnete Autorität das letzte Wort haben. Aber all das wird noch lange dauern, denn überall gibt es starke institutionelle Festungen.

STANDARD: Sehen Sie Versuche der EU, auch bei den Rechtsnormen ein Gegengewicht zur USA aufzubauen?

Lagarde: Es geht hier nicht um die USA auf der einen und Europa auf der andere Seite. Es gibt das Common Law (Gewohnheitsrecht) in den USA, Großbritannien, Australien und Hongkong, wo - welche Überraschung - alle großen Finanzzentren der Welt angesiedelt sind. Diese Schlacht ist so gut wie geschlagen, denn man macht kaum Finanztransaktionen in anderen Rechtssystemen. Das Civil Law (Zivilrecht) regiert in Kontinentaleuropa, aber auch in China und Japan. Einige Kollegen hoffen, dass wir eines Tages zu einer Mischung der beiden Rechtssysteme gelangen, aber ich bin nicht so optimistisch. Wahrscheinlicher ist, dass gewisse Gebiete dem Common Law folgen - etwa die Finanz - und andere dem Civil Law: kommerzielle Verträge, internationale Abkommen und das Wettbewerbsrecht.

STANDARD: Kann eine solche Weltordnung funktionieren?

Lagarde: Warum nicht? So unterschiedlich sind die beiden Rechtssysteme nicht.

STANDARD: Sehen Sie die Gefahr einer Amerikanisierung des Rechtswesens in Europa?

Lagarde: Ja. Ich bin besonders besorgt, dass Frankreich etwas wie das "Plea Bargaining" einführt, bei dem Angeklagte vor einem Verfahren um das Strafausmaß feilschen können. Das passt nicht in die französische Rechtskultur. Auch Sammelklagen bei uns einzuführen wäre schlecht, da selbst die Amerikaner einen Ausweg aus dieser "Krankheit" suchen. Unkontrollierte Sammelklagen treiben viele Unternehmen in den Konkurs und nützen vor allem einer Gruppe sehr entschlossener Anwälte.

STANDARD: Die EU-Erweiterung steht vor der Tür. Wo liegen die größten Rechtsprobleme?

Lagarde: Vor allem bei der Umsetzung. Gesetze zu formulieren und zu verabschieden ist relativ einfach, sie umzusetzen ist schwer, solange die Richter und Staatsanwälte diese Regeln nicht gewohnt sind. Wir müssen daher alle bei der Aus- und Weiterbildung helfen.

STANDARD: Ist Wien für Baker & McKenzie vor allem wegen der Nähe zum Osten interessant?

Lagarde: Das Wichtigste ist, dass unser neuer Partner Kerres & Diwok unseren Ehrgeiz teilt, Weltbürger zu sein und sich nicht auf einen Ort einschränken zu lassen. Österreichs Lage ist wunderbar, und die EU-Erweiterung wird das noch verstärken. Aber auch sein eigener Markt ist interessant und die wirtschaftliche Entwicklung im Vergleich zum Rest von Europa ausgezeichnet. Das sollte viele Investoren verleiten, sich in Österreich niederzulassen. (DER STANDARD Printausgabe, 06.04.2004)

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Baker & McKenzie

Zur Person

Die Französin Christine Lagarde (48) ist seit 1999 Vorsitzende des globa- len Exekutivausschusses von Baker & McKenzie, mit 3300 Anwälten und 628 Partnern die größte Anwaltskanzlei der Welt.

2003 wurde die Wiener Kanzlei Kerres & Diwok inkorporiert. Die Mutter zweier Teenagersöhne ist Expertin für Kartell- und Arbeitsrecht und pendelt zwischen Paris und Chicago.
  • Für Anwaltspartnerschaften in 38 Ländern ist die Französin Christine Lagarde verantwortlich - seit dem vergangenen Jahr auch für die Kanzlei Kerres & Diwok in Wien.
    der standard/matthias cremer

    Für Anwaltspartnerschaften in 38 Ländern ist die Französin Christine Lagarde verantwortlich - seit dem vergangenen Jahr auch für die Kanzlei Kerres & Diwok in Wien.

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