Die Herrschaft der Kleidergrößen

6. April 2004, 07:00
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Kommentar: KundInnen wollen den Durchschnitt in kleineren Größen wahren und bei Betuchten hilft das "Vanity Sizing"

Die Studie "SizeUSA" bestätigt, wovon einige aus der Alltagserfahrung heraus bereits seit langem überzeugt sind. Der Wohlstand im Bauch lässt einer langsamer das Wasser zum Hals stehen, oder anders ausgedrückt: wir werden nicht nur breiter, sondern auch länger.

Für "SizeUSA" wurde erstmals seit dem zweiten Weltkrieg der US-amerikanische Durchschnittskörper ermittelt. Fakt ist: Normalerweise sind wir größer und breiter. Was macht also eine Gesellschaft, die durchschnittlich größer ist, als der Durchschnitt? Sie ändert ihre Norm-Einheiten.

Unpassend

Aber dem muss nicht so sein. Vor allem wenn das Ideal einer Gesellschaft der schlanke Körper ist und seine Verkörperung Größe 38. In den USA befürchten Unternehmen bei einer Verschiebung der Durchschnittsgrößen unzufriedene KundInnen und Umsatzrückgänge. Schließlich definiere sich Wohlbefinden und Spaß an der Mode auch in der Kleidergröße, in der mensch steckt. Dass dieses Argument nicht so einfach von der Hand zu weisen ist, bestätigen Zahlen der US-Textilbranche: Jährlich werden Waren im Wert von 28 Milliarden Dollar zurückgegeben, weil sie "nicht passen". KundInnen wollen den Durchschnitt in kleineren Größen wahren.

Während sich also die Industrie mit einer Neudefinition von Standardgrößen herumschlägt, wählen einzelne Firmen einen anderen Weg, um ihre KundInnen zufrieden und bei der (Kleider)-Stange zu halten. Das Phänomen heißt "Vanity Sizing" und setzt genau da an, wo sich Schlankheitsnorm und Eitelkeit der KundInnen die Hand geben: In Kleidungsstücken gehobener Designerfirmen werden immer öfter geschwindelte, soll heißen nach unten korrigierte Größen-Etikette eingenäht. Absurde Blüten dieser Praxis offenbarte eine Studie der US-amerikanischen Management-Professorin Tammy Kinley: Im Vergleich von über tausend Kleidungsstücken wurde der Unterschied zwischen Standard- und Pseudo-Größen auf bis zu 33 cm (!) bemessen.

Praktische und notwendige Norm

Was als Vorteil für "eitle" KundInnen gehandelt wird, zieht als Schattenseite Verwirrung in der Umkleidekabine mit sich. Die Suche nach der passenden Hose kann zum Spießrutenlauf durch die angebotenen Größen mutieren. Das Frönen in der "eingebildeten Schlankheit" kritisieren also nicht nur Selbsthilfegruppen, die im "Vanity Sizing" eine noch tiefere gesellschaftliche Bestätigung des Schlankheitswahns sehen, sondern auch VerbraucherInnenschützerInnen.

Und letztendlich ist die Freude über die diätlose Dünnheit auch eine Frage des Geldes. Tammy Kinley fand heraus, dass die "manipulierten" Stücke durchschnittlich mehr kosten als die ehrliche Ware, weil sie in gehobenen Designer-Läden angeboten werden. Für viele unter uns löst sich "Vanity Sizing" also praktisch von selbst. (freu)

06.04.2004
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