Babyboom oder Pensionskollaps

27. Juli 2004, 17:41
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Japans Gesellschaft altert rascher als die aller anderen entwickelten Länder - mit gewaltigen Problemen für Pensionssystem und Wirtschaft

Tokio - Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht im Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti) Anfragen von Wirtschafts- und Sozialforschern aus aller Welt eingehen.

Das Interesse der Wissenschafter gilt dem raschen Alterungsprozess der japanischen Gesellschaft und ihren Auswirkungen. Japan dient mittlerweile vielen Experten als "lebendes Forschungsobjekt", da Vorgänge, die auch für Europa zu erwarten sind, in Japan fast doppelt so rasch stattfinden.

So wird sich der Anteil der über 65-Jährigen von 1987 bis 2007 in nur 21 Jahren verdoppelt haben und mehr als 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen - in der EU dauert die Verdoppelung immerhin 40 (Italien) bis 87 Jahre (Frankreich).

Ein Bevölkerungsanteil der über 65-Jährigen von mehr als 20 Prozent wird Demografen zufolge in Europa erst um 2020 erreicht sein.

Sehr hohe Lebenserwartung

Dazu kommt auch noch eine sehr hohe Lebenserwartung: 17.402 Japanerinnen und 3159 Japaner sind derzeit über 100 Jahre alt - ein etwa fünfmal höherer Wert als der EU-Schnitt, während die Geburtenrate mit 1,3 Kindern eine der niedrigsten der Welt ist.

Rund 310 Milliarden Euro - das sind rund acht Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) - zahlte der Staat 2003 an Pensionen, Renten und Sozialhilfe aus. Im Schnitt lassen sich damit allerdings nur 40 Prozent der durchschnittlichen Lebenshaltungskosten decken. Der Rest wird in der Regel mit Firmenpensionen und Ersparnissen gedeckt.

In Österreich sind es zum Vergleich bereits rund elf Prozent des BIP, die jährlich aufgewendet werden. In Japan würde nach Expertenberechnungen der Anteil der Pensionen am BIP in den nächsten 15 bis 20 Jahren von acht auf mehr als 30 Prozent steigen, um die Leistungen auf dem gleichen Niveau zu halten - für die Volkswirtschaft kaum zu verdauen.

Drohende Dauerrezession

Die hohen Pensionsaufwendungen, verbunden mit niedrigeren Konsumausgaben, würden das Land in eine Dauerrezession treiben, befürchten Pessimisten. Um diese Entwicklung zumindest zu bremsen, versucht Japan nun "die Kosten der Kindererziehung zu minimieren", wie ein Vertreter des Meti erklärt.

Dazu zählen auch kostengünstige Kinderbetreuungsplätze. "Die japanische Gesellschaft war bisher kaum auf Kinder ausgerichtet. Es ist für eine berufstätige Mutter kaum zumutbar, in den vollkommen überfüllten Zügen am Morgen mit einem Kleinkind nach Tokio zu fahren und es da in einen Kindergarten zu geben. Das muss sich rasch ändern."

Daneben wirbt Japan nun auch vermehrt um Einwanderer und Investoren. Neben Sprachproblemen waren es bisher auch eine eher einwanderungsfeindliche Politik und mangelnde Akzeptanz, unter der die rund 1,8 Mio. Ausländer unter den 140 Mio. Japanern litten. (DER STANDARD Printausgabe, 06.04.2004, Michael Moravec)

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    Die meisten Hundertjährigen und die niedrigste Geburtenrate: Die Bevökerungsentwicklung stellt Japan vor riesige Probleme.

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