Die Gegenwart des Vorgestern

9. April 2004, 13:09
posten

Berliner Philharmoniker mit Pierre Boulez

Salzburg - Es verschmelzen in Salzburg mitunter Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu ironischen, alte Gegensätze auflösenden Formen: Eliette von Karajan spaziert bei der Così-Premiere mit Gerard Mortier, einst auserwählt, Karajans Erbe erneuernd zu bändigen, Richtung Sitzplatz. An ihnen vorbei übt die neue Salzburger Landesherrin Gabi Burgstaller in einer neuen Rolle ihre ersten Festspielschritte. Und ein Stock höher sieht Pierre Boulez zu. In der Mortier-Ära stark präsent, in der von Peter Ruzicka noch nicht auffällig geworden.

Einerlei. Man braucht ihn in Bayreuth für den sommerlichen Parsifal; ist er halt zumindest zu Ostern in Salzburg zugegen, um Sir Simon Rattle einen Teil der Konzertarbeit mit den Berliner Philharmonikern abzunehmen. Rattles Programmhandschrift ist indes auch da gegenwärtig: Als radikales Kontrastprogramm zu Mozart wird zurückgeschaut auf den Beginn der Moderne, als Folklore ein Objekt der Erforschung und Integration ins symphonische Korsett war. Etwa für Béla Bartók.

Boulez ist natürlich gefeit davor, es derb und herzhaft tanzen zu lassen. Gestochen scharf kommen die Pointen der Tanzsuite, Sz 77, durchsichtig und seidenpapierzart ist der Klang. Und in allen Folkloreanklängen wird das Stilisierte betont. Im Großen Festspielhaus allerdings, das Klänge gerne etwas ihrer Aura beraubt, verbindet sich die akustische Situation mit Boulez' dezentem Zugriff unproduktiv. Da klingt dann vieles matt und wattig.

Ein Hauch des Süßlichen beim 1. Violinkonzert, wobei: Gidon Kremers vermenschlichter Ton vermag auch mehr. Im zweiten Satz bemüht er einen erdigen Ausdruck abseits des Sanglichen. Kleine Abstimmungsprobleme lassen ihn allerdings etwas sehr im Orchesterklang untergehen. Da hat Yuri Bashmet einen besseren Stand. Sein Ton ist kantabel und tragfähig, zudem haben die Improvisation simulierenden Passagen des Violakonzertes in ihm einen zupackenden Advokaten.

Natürlich sind auch die Berliner ein grandioser Solist: Beim Wunderbaren Mandarin sind sie auch üppiger besetzt als zuvor, wodurch ihre Erweckung dieser facettenreichen orchestralen halben Stunde auf mehreren Ausdrucksebenen rüberkommt. Da ist das motorisch-maschinelle Schwirren des Anfangs, da leuchtet der Körper des Mandarins in dunklen Farben. Und alles mündet in einer strahlenden Umarmung, bevor das Werk gleichsam abrupt verröchelt. Dennoch: Das Konzert endete in jenem Zustand der vernehmbaren produktiven Wachheit, die man schon zu Beginn erhofft hätte. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.4.2004)

Von
Ljubisa Tosic
Share if you care.