Die Wohlstandsillusion

15. April 2004, 19:46
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Die verunsicherten Europäer sind kämpferisch und gleichzeitig anfällig für populistische Versprechungen wie selten zuvor - von Gerhard Plott

Fast genau ein Jahr nach den Massenprotesten gegen den Krieg im Irak demonstrierten am Wochenende wieder Hunderttausende Europäer auf den Straßen. Eine breite Protestbewegung gegen Sozialabbau, die keiner politischen Richtung nahe steht und im Wesentlichen von Gewerkschaften getragen wird, formiert sich in den europäischen Hauptstädten. Es ist unerheblich, ob es gegen die Reformpläne der konservativen französischen oder die der rot-grünen deutschen Regierung geht, parteiübergreifend wehren sich immer mehr Menschen gegen die radikale Ökonomisierung der Politik und des öffentlichen Lebens.

Möglicherweise sind diese Großdemonstrationen bereits der Nukleus einer neuen sozialen Bewegung, einer heterogenen Bewegung der Armen, die sich von ihren vermeintlich wohl erworbenen sozialen Errungenschaften nichts mehr wegnehmen lassen wollen. Denn außer dem Wunsch, die Regierenden mögen alles beim Alten lassen, eint die Europäer nichts so sehr wie das Verlangen nach Frieden, Sicherheit und Wohlstand. Deshalb sind die verunsicherten Europäer kämpferisch und gleichzeitig anfällig für populistische Versprechungen wie selten zuvor.

Die Verunsicherung führt aber auch dazu, dass unangenehme Tatsachen am liebsten ignoriert werden. Schließlich leben wir Westeuropäer heute in einer Art Wohlstandsillusion, in der es keine Risiken für den Einzelnen mehr geben darf. Zyniker in deutschen Feuilletons meinen, die Menschen müssten nur ihren Glauben an seit Alters her gewohnte soziale Sicherheitsversprechen aufgeben. Man müsse nicht auf eine hohe Rente verzichten, denn es werde sowieso keine hohe Pension geben. Verzichtet werden müsse nur auf diese Illusion der Sicherheit; wenn einem das erst einmal klar sei, dann wäre der Verlust schon nicht mehr so groß. Mehrheitsfähig sind diese Ideen allerdings noch lange nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.4.2004)

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