Weltrevolution für Eilige

15. April 2004, 12:22
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US-Superstar Pink gilt derzeit als angesagt­estes Role Model in Sachen Pop und Revolte - Die "Genossin" gastierte in Wien

Bei ihrem Konzert in der Wiener Stadthalle machte Pink allerdings deutlich, dass in diesem Geschäft die Unterschiede zwischen Jenseits und Gut und Böse nur marginal sind.


Wien - "Freiheit. Friede. Krieg. Politik. Macht. Unterdrückung. Regeln. Rassismus. Sexismus." Mit den Schlagworten, die da kurz zwischen Filmaufnahmen aus dem Vietnamkrieg auf den Bühnenbildschirmen aufflackern, könnte man eigentlich mehr anfangen, als dazu in einer Star-Spangled-Banner-Toga den Schwere-Kindheits-gehabt-haben-Song Family Portrait mit "This is my Vietnam!" anzukündigen. Man könnte sie zum Beispiel weglassen.

Billige Effekte kommen in diesem Gewerbe, in dem Argumente meist mit Lautstärke besser und mit dem Vorschlaghammer plausibler gemacht werden wollen, ohnehin noch genug zum Einsatz. Und die kreischenden Mädchen im Saal sehen es auch lieber, wenn ihre Heldin Pink nur eine halbe Stunde zuvor aus einem von der Decke herabgelassenen Papageienkäfig steigt, gleich einmal zum Einstand ihre drei Tänzerinnen verhaut und mit einer Pistole herumfuchtelt. Wir merken schon, die Frau hat bei diesem Totaleinsatz allen im Pop zur Verfügung stehenden symbolischen Kapitals einen ziemlichen Vogel weg. Und sie wirkt in ihrer Inszenierung nicht ganz durchdacht.

Als neuestes Produkt in Sachen Weltrevolution mit hohem Wohlfühlanteil unter gleichzeitiger Erfüllung eines millionenschweren Werbevertrages für Pepsi müsste Genossin Pink doch spätestens seit der Tet-Offensive 1968 eher Ho Chi Minh zujubeln als bei einem Unplugged-Intermezzo modisch auf US-Patriotismus zu machen und klagend Janis Joplin herbeizurufen: "Freedom's just another word for nothing left to loose."

Allerdings wurde Pink als Alecia Moore erst vier Jahre nach dem Fall von Saigon 1979 in der Nähe von Philadelphia geboren und hätte das Ganze erst mühsam nachlesen müssen. Aber da hat schon die Welttournee angefangen.

"Das wird heute umstürzlerisch!", verkündet Comandantina Pink unter ihrem Irokesen-Pepi den revolutionären Massen in der Stadthalle, nachdem ein Scherz über Tampons wohl auch aufgrund sprachlicher Straßensperren zwischen amerikanischer Genossin und österreichischem Brüder- und Schwesternvolk kurz vor der Pointe stecken geblieben war. Sie reißt dafür beim symbolischen Besteigen einer aufblasbaren kunstblonden Sexpuppe einen toll geschmacklosen Witz über ihre Klassenfeindin Christina Aguilera, indem sie ein Lied von ihr nachäfft: "She's so beautiful!" Dazu unterwandert sie in schönster Tradition der guten alten Postmoderne klassische Disco vom Schlage einer Lady Marmalade. Subversion durch Affirmation! "Voulez-vous cliché avec moi?!"

Wer einen armen Narren aus dem Publikum zu sich auf die Bühne bittet, ihn auf einem Rollstuhl festschnallen lässt, um ihm dann wenige Zentimeter vor seiner Nase mit kreisendem Becken zu zeigen, wo man Pink ganz toll lieb haben könnte - wenn sie wollte, will sie aber nicht! -, kehrt nicht etwa gängige Rollenklischees um. Und schon gar nicht übt sich damit jemand in feministischer Rebellion gegen festgezurrte Rollenmuster. Gut gemeint, wird hier doch nur männlichen Sexualfantasien gedient. Es wird - um in der Sprache der Revolution zu bleiben - Systemerhaltung betrieben.

Pink, dieser burschikose weibliche Popsuperstar mit wunderbar sinnlosen Wegwerfwelthits wie Get The Party Started oder Trouble, wird der Welt derzeit als ernst zu nehmende Alternative zu den Mickymausifrauen Britney Spears und Christina Aguilera verkauft, als Guerillakämpferin im Girlie-Sektor. Das funktioniert zumindest in den herrlich sinnlosen wie spaßig aufmüpfigen Selbstbestimmungskampf-Videos im Musikfernsehen ganz hervorragend. Von wegen: "Wenn ihr mich die Straße herunterkommen seht, wisst ihr, es ist Zeit, zu gehen. Denn hier kommt Ärger!"

Beate Uhse Superstar

Das seit Wochen vor allem von jungen Frauen bestürmte und dementsprechend ausverkaufte Konzert in der Wiener Stadthalle präsentierte Pink allerdings eher mit dem Feind im Bett als auf den Barrikaden. Unterschiede zu ebenfalls derzeit tüchtig mit Beate Uhse Brüderschaft trinkenden Konkurrentinnen wie Aguilera oder Spears lassen sich nur in Spurenelementen ausmachen. Wobei sich die Frage stellt, ob es nicht doch eher peinlich ist, Macho-Lachnummern wie jene von Axl Rose und Guns 'n' Roses aus den 80er-Jahren einfach eins zu eins zu übernehmen und bei der Coverversion von Welcome To The Jungle tüchtig einen auf Mopedrocker zu machen. Zudem gesellten sich ja auch noch in einer aus Übersteuerung der Soundanlage und Publikumskreischerei sehr suppig gewordenen akustischen Gesamtsicht merkwürdige Kopplungen wie eine Version von I Wanna Rock, ein Song der prähistorischen Transvestiten-Hardrocker Twisted Sister, und Pinks eigener Hit, God Is A DJ ("And Life Is A Dancefloor").

Ist er nicht. Die Verhältnisse wurden nicht zum Tanzen gebracht. Nach dem Konzert hat die Revolution mit ihren Kindern einen Hamburger gefressen. Pepsi getrunken sowieso. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.4.2004)

Von
Christian Schachinger
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    Pink im goldenen Käfig des Kapitalismus. Nach dem Konzert wird die Revolution mit ihren Kindern essen gehen.

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