Der die Löwen brüllen macht

16. April 2004, 14:49
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Der berüchtigte FC Millwall steht im FA-Cup-Endspiel, ein Platz im UEFA-Cup ist fix. Schuld daran: Spieler­trainer Dennis Wise

Wien - Manchester United wird am 22. Mai in Cardiff der erste Premier-Ligist sein, gegen den der FC Millwall in seiner diesjährigen FA-Cup-Kampagne antreten muss - im Finale. Das hat es im Traditions reichsten Bewerb in Englands Fußball seit 1953 nicht mehr gegeben, als Bolton selbiges widerfuhr. Doch Losglück hin oder her, das erste Endspiel in der immerhin bereits 119 Jahre währenden Geschichte der Lions aus der First Division löste in Südost-London Euphorie aus. Natürlich mit der klubtypischen Färbung: "No one wants us in the final, but we're there!" Am Sonntag wurde das letzte Hindernis in Form von Sunderland aus dem Weg geräumt, Tim Cahills Volley in der ersten Halbzeit entschied das Halbfinal-Match in Old Trafford.

Das schon auch gepflegte Schmuddelkind-Image Millwalls kommt jenem Mann durchaus Zupass, der als hauptverantwortlich für den historischen Durchmarsch angesehen werden muss: Player Manager Dennis Wise. Erst seit sechs Monaten in Amt und Würden, hat Wise aus einer konturlosen Truppe eine schlaggkräftige Mannschaft geformt, für die auch das eigentliche Hauptziel der Saison - die Wiedererlangung der Erstklassigkeit - wieder in den Bereich des Möglichen gerückt ist.

"Ich habe nie gedacht, dass es so gut gehen würde", meinte der 37-Jährige im Guardian. "Zuerst wusste Präsident Paphitis nicht für wie lange ich den Job machen sollte, aber mir hat's so viel Spass gemacht, dass ich ihm gesagt habe: Ich bleibe solange wie Sie."

Wie die Faust aufs Auge

Wie die etwas verrufene Anhängerschaft Millwalls hat sich auch Mr. Wise die Reputation als jemand, dem Gewaltanwendung nicht fremd ist, ehrlich erarbeitet. Auf allen Seiten von Gegnern umstellt, scheint sich er sich am wohlsten zu fühlen. "Dennis kann in einem leeren Zimmer eine Rauferei anfangen", meinte Sir Alex Ferguson einmal. 13 Rote Karten stehen in seiner Karriere bislang zu Buche; bevor er bei Millwall anheuerte, war er von Leicester entlassen worden - angeblich hatte Wise seinen schlafenden Kollegen Callum Davidson attackiert. Man war über einem Kartenspiel in Streit geraten. Eine erstinstanzliche Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe wegen eines tätlichen Angriffs auf einen Taxifahrer könnte hier auch noch erwähnt werden. Wenig überraschend haben die Fans ihre Wertschätzung für den Jung-Manager treffsicher in einem zärtlichen Chant verarbeitet: "He's only five foot four, he'll break your jaw."

Wie dem auch sei, bei Millwall hat sich Wise bisher sehr ordentlich geführt. Im Halbfinale etwa tröstete er den ausgeschlossenen Gegner Jason McAteer, nach dem Schlusspfiff lief er zu den Sunderland-Supportern um ihnen zu applaudieren.

Lizenzproblem

Wise, immer noch der Energie geladene Mittelfeld-Terrier wie weiland in glorreichen Zeiten bei Chelsea, hat keinerlei Trainer-Lizenz. Das könnte ein Problem werden, denn als Cup-Finalist hat Millwall einen Platz im UEFA-Cup so gut wie sicher. Und ohne entsprechende Qualifikationen wird Wise nicht coachen dürfen. Denn das Lizenzierungs-System des Europäischen Verbandes, welches ab der kommenden Saison in Kraft tritt, schreibt unter anderem einen bestimmten Ausbildungsstand für Trainer vor. Wise: "Ich mache gerade meine B-Lizenz und hoffe in ein paar Wochen durch zu sein. Ich bin wirklich im Stress, aber man muss es machen." Die Letztverantwortung in dieser Frage liegt beim nationalen Verband, es gibt Ausnahmeregeln für unterklassige Vereine. Vermutlich wird sich also eine Lösung finden.

Wise ist es seit seinem Amtsantritt aber auch so gelungen, der Mannschaft den rechten Glauben einzuimpfen. Zudem würfelte er die Positionen seiner Jungs etwas durcheinander, worauf diese mit der neuen Aufgabe geradezu aufblühten. Der Personalstand an sich hat sich seit dem Abgang seines Vorgängers Mark McGhee kaum verändert. Mit Daniele Dichio und Goalie Andy Marshall kamen bloß zwei Neue, die noch dazu bei West Bromwich bzw. Ipswich kein Leiberl mehr hatten.

Final-geeicht

Wise kennt das Finalgefühl, er steht vor seinem fünften Endspiel. Drei davon hat er gewonnen: Mit Wimbledon 1988 und mit Chelsea 1997 und 2000. Der erste Sieg mit den Dons gegen Liverpool war schon eine Sensation, sollte Millwall jedoch ManU schlagen, wäre das an der Grenze zum Wunder. Seit West Ham vor 24 Jahren Arsenal beschämte, hat kein Erstligist mehr ein Endspiel gegen einen unterklassigen Gegner verloren. Aber was heißt das schon. Wie resümiert Dominic Fifield im Guardian doch so treffend: "Das Unerwartete war Teil von Wises 21-jähriger Karriere, darum sollte man nichts ausschließen." (Michael Robausch)

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    Dennis Wise: "Keine Ahnung, ob man im UEFA-Cup ohne Qualifikation coachen darf."

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