Strasser: "Menschenverachtend"

11. April 2004, 16:47
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Innenminister reagiert auf Schließung der Quartiere durch Caritas - Präsident Landau: Problem "vom Ministerium erzeugt"

Wien – Ali D., Asylwerber aus Somalia, hat ein Gedicht über Österreich geschrieben. Ein Gedicht des Zorns: "Tantalized Sufferer in Austria", liest er laut vor, während draußen, im Hof des mit fünfzig Menschen überfüllten Caritas- Asylzentrums, ein Regenguss auf den Betonboden hämmert.

Seit einer Woche habe er keine fixe Unterkunft mehr, erzählt D. Sei es warm genug, übernachte er auf Parkbänken, bis die Polizei komme und er gezwungen wird weiterzugehen. "Was für eine Regierung ist das? Ist das hier nicht Europa?", schimpft D. – Berater haben ihm eben einen Zettel ausgehändigt, mit der Botschaft, dass die Caritas "absolut keine Unterbringungsplätze" mehr zur Verfügung stellen kann.

Sechs Sprachen

In sechs Sprachen steht die Mitteilung da – samt dem Hinweis, sich in Sachen Unterbringung bitte direkt an das Bundesministerium für Inneres zu wenden; ein Vorgehen, für das auch der Wiener Kardinal Christoph Schönborn Verständnis zeigte. Im Büro von Minister Ernst Strasser (VP) nämlich liege die "politische Verantwortung" für das Asylwerberelend, betont der Wiener Caritas-Präsident Michael Landau. Die Obdachlosigkeit von täglich 30 Menschen mehr – obwohl diese Menschen als Asylwerber einen Rechtstitel haben – werde "vom Ministerium erzeugt".

Im Grunde mache der Aufnahmestopp "nur sichtbar, was wir seit Wochen gezwungen sind zu tun", schließt sich Christoph Riedl von der Diakonie Landaus Worten an. Ab Mittwoch werde sich auch die evangelische Flüchtlings- NGO der Maßnahme anschließen. Während Bernhard Jany vom Roten Kreuz zum wiederholten Mal auf "mehrere Hundert Unterbringungsplätze" hinweist, die blockiert seien, weil die Bürgermeister Nein zur Flüchtlingsunterbringung sagen – und der Minister dieses Nein stehen lasse.

Machtwort Schüssels gefordert

Bei Strasser, so Landau, liege der Knackpunkt: "Wenn ihn die Asylwerberunterbringung überfordert, so hat er das gute Recht, vom Bundeskanzler unterstützt zu werden", fordert er ein Machtwort Schüssels. Doch der Minister reagiert selber: Das Vorgehen der Caritas, so meinte er, sei "menschenverachtend". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.4.2004)

Von Irene Brickner
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    Ali D., Asylwerber aus Somalia zur Schließung der Flüchtlingsquartiere durch die Caritas: "Was für eine Regierung ist das? Ist das hier nicht Europa?"

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