Porträt: Rattenfänger mit Stammbaum

7. April 2004, 09:58
44 Postings

Schiitenführer Muktada al-Sadr will einen fundamentalistischen Gottesstaat

In den vergangenen Monaten war es stiller um ihn geworden, man hoffte, die übermächtige Figur des besonnen agierenden Ayatollah Sistani habe ihn auf seinen Platz verwiesen. Aber der junge Schiitenführer Muktada al-Sadr, der bereits im Frühsommer 2003 mit seiner (damals unbewaffneten) Mehdi-Armee auftrat und gegen die Besatzer agitierte, hat weiter Zulauf aus der frustrierten radikalisierten Jugend erhalten, und mit einem Schlag waren sie am Sonntag auf der Straße: in den schiitischen Städten im Süden des Irak und im schiitischen Slum von Bagdad, der nach dem Fall des Regimes von Saddam-City auf Sadr-City umbenannt worden war.

Muktada al-Sadr ist ein Spross aus einer berühmten Gelehrtenfamilie, sein Vater Mohammed Sadik wurde 1999 von Saddam Hussein durch einen "Autounfall" beseitigt, sein Onkel Mohammed Bakir, ein berühmter schiitischer Staatstheoretiker (ein "dritter Weg" zwischen Khomeinismus und Quietismus), wurde 1979 vom Regime ermordet.

Muktada ist zwischen Mitte zwanzig und Anfang dreißig: Seine Gegner machen ihn jünger, seine Anhänger älter. Um als spirituelle Figur für die religiöse Schia infrage zu kommen, fehlt ihm aber nicht nur das Alter, sondern vor allem die theologisch-publizistische Visitenkarte – mangels eigener Werke muss er auf die seines Vaters verweisen.

Verlorene Protektion

Einen wichtigen Protektor hatte er sofort nach dem Fall Saddams im Iran, den in Qom lebenden – irakischen – konservativen Mullah Kazim Hosseini-Haeri, als dessen verlängerter Arm im Irak Moktada agierte. Der Iraker Haeri wiederum war im Iran der Vertreter der der Familie Sadr nahe stehenden irakischen Dawa- Partei gewesen. Als der Junge es zu bunt trieb, wurde er jedoch im Herbst von Haeri fallen gelassen. Gegen Sistani – wie der Name sagt, iranischen Ursprungs – und die andere große Gelehrtenfamilie im Irak, die Hakims, die als Erfindung der Iraner gelten, versuchte Sadr sein "Arabertum" auszuspielen – obwohl ja gerade Sistani und die Nachfolger des Ende August in Najaf ermordeten Mohammed Bakir al-Hakim einen "irakischen" Weg gehen und nicht blind der iranischen Staatstheorie folgen wollen. (guha/DER STANDARD, Printausgabe, 6.4.2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Muktada al-Sadr stammt aus einer berühmten Gelehrtenfamilie

Share if you care.