Experte: "Sie sind technisch besser geworden"

6. April 2004, 18:50
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Jenseits der islamischen Parteien: Extremisten in Marokko organisieren sich

Rabat/Madrid – Professor Mohammed Darif kennt sich aus. "Es gibt in Marokko eine radikale Strömung innerhalb des politischen Islamismus, die sich am Wahhabismus – dem Islamverständnis Saudi-Arabiens – orientiert", sagt er. "Ein Teil davon hat sich so weit radikalisiert, dass er zur Gewalt greift."

Der Politikwissenschafter an der Universität Mohammedia bei Casablanca sammelt seit Jahren Daten über die Islamische Marokkanische Kampfgruppe (IMK) und andere radikale Strömungen, die mit den Anschlägen vom 16. Mai 2003 in Casablanca – 45 Tote – und vom 11. März in Madrid – 191 Tote – in Verbindung gebracht werden.

"Zuerst leisteten diese Gruppen logistische Arbeit. Dann schritten sie in Casablanca zur Tat", sagt Darif über die Gotteskrieger. "Mit einfachen Sprengsätzen schickten sie Selbstmordattentäter los. In Madrid haben sie jetzt bewiesen, dass sie technisch viel besser geworden sind. Sie brauchen keine Kamikazekrieger mehr, ihnen reicht ein Handy als Zeitzünder."

Afghanistankämpfer

Die IMK entstand Mitte der 90er-Jahre im pakistanischen Peschawar. Ihre Gründer waren marokkanische ehemalige Afghanistankämpfer. Lange leistete die Gruppe, die Verbindungen in die meisten europäischen Länder hat, nur logistische Dienste: Sie besorgte falsche Ausweispapiere und ermöglichte so wichtigen Al- Kaida-Mitgliedern die Reise nach Europa. Marokko, nur durch die 14 Kilometer breite Meerenge von Gibraltar von Spanien getrennt, wurde so Dreh- und Angelpunkt des internationalen Terrorismus.

In Casablanca schritt die IMK erstmals zur Tat. Sie rekrutierte – zusammen mit einer zweiten radikalislamistischen Organisation, dem Salafitischen Heiligen Krieg – in den Elendsvierteln der marokkanischen Wirtschaftsmetropole 14 Selbstmordattentäter. Am 16. Mai 2003 griffen diese dann mehrere westliche und jüdische Einrichtungen nahezu zeitgleich an.

Ob Casablanca oder Madrid, die Spur der Ermittlungen führt immer wieder nach Tanger. Die ehemals weltoffene Stadt im Norden Marokkos, die einst die Künstler der Beatgeneration anzog, entwickelte sich in den 90er-Jahren zunehmend zu einer Hochburg des Islamismus. Mindestens fünf der in Spanien verhafteten 16 Marokkaner stammen aus Tanger. Unter ihnen Jamal Sugam, der als einer der wichtigsten Männer des 11. März gilt.

Sugam ist mit den drei Brüdern Benyaich befreundet. Einer von ihnen, Salaheddin, der als Freiwilliger im Bosnienkrieg ein Auge verlor, wurde wegen der Anschläge von Casablanca in Marokko zu 18 Jahren Haft verurteilt. Der zweite, Abdelaziz, sitzt in spanischer Auslieferungshaft. Er gilt als Kopf des Massakers von Casablanca. Der dritte, Abdallah, fiel im afghanischen Tora Bora, bei Bin Ladens letztem Rückzugsgefecht. (Reiner Wandler/DER STANDARD, Printausgabe, 6.4.2004)

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