"Wir würden im Geld schwimmen"

8. April 2004, 18:05
92 Postings

Josef Kandlhofer, Sprecher der Hauptverbands- Geschäftsführung, im STANDARD-Interview: Medikamentenkosten als "Verhängnis" im Gesundheitssystem

STANDARD: Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat schickt der Wiener Gebietskrankenkasse (GKK) Sonderpüfer ins Haus. Das hat den Hautgout einer Strafaktion.

Kandlhofer: Ich verstehe die Sonderprüfung nicht ganz, weil es ja vor kurzem eine Sonderprüfung der Wiener GKK auf Anordnung von Sozialminister Herbert Haupt gab. Mir ist keine Leiche im Keller bekannt. Und ich bin überzeugt, dass auch diesmal keine Leiche im Keller gefunden wird.

STANDARD: Die Prüfung stützt den Vorwurf, das von VP-Mitgliedern des Verwaltungsrats verursachte Kippen des Kassenvertrags sei ein politische Fehde gegen die "rote" Kasse.

Kandlhofer: Ich habe die politische Motivation nicht geortet. Ich bekenne mich zum Ja zum Wiener Vertrag. Das Gesamtpaket ist vertretbar. Es ist bei Versorgungsdichte und Medikamentenkosten zukunftsweisend. Kritisiert habe ich die Tariferhöhung um 1,94 Prozent für 2004, die sich aber 2005 (plus 0,65 Prozent) relativiert.

STANDARD: Soll eine Krankenkasse ein teures Spital führen, wie es die Wiener Kasse mit dem Hanusch-Spital macht?

Kandlhofer: Ich habe schon 2001 gesagt, die Wiener Gebietskrankenkasse muss das Spital nicht führen. Den Versorgungsauftrag für den stationären Bereich hat nicht die Sozialversicherung, sondern das ist Landessache.

STANDARD: Das wäre in diesem Fall Wien. Die WGKK wird also für etwas - ein Defizit - geprügelt, das eigentlich Aufgabe der Stadt/des Landes Wien wäre?

Kandlhofer: Im Grunde ja. Wobei ja immer Mittel aus dem Ausgleichsfonds an das Hanusch-Krankenhaus gegangen sind. Deshalb lassen uns alle herzlich grüßen mit Ausnahme von Wien, die sich fragen, warum sie das Hanusch-Spital mitfinanzieren sollen. Die Sozialversicherung entlastet hier sicher die, die eigentlich den Versorgungsauftrag haben. Das ist eines der Probleme im Gesundheitswesen: Im Spitalswesen sind die Sozialversicherungen arme Würstel, weil wir die finanzielle Verantwortung haben, aber null Kompetenz.

STANDARD: Wie sollen Verantwortung und Kompetenz zusammengeführt werden?

Kandlhofer: In eine Hand. Heute haben wir Bund, Länder, Gemeinden, Sozial- und Privatversicherungen. Die Frage ist: Wer soll diese Hand sein? Ich sage ganz klar: Der größte Finanzier im Gesundheitswesen ist die Sozialversicherung. Daher macht es Sinn, wenn wir diese Hand sind.

STANDARD: Wie wollen Sie die Finanzierungskrise im Gesundheitswesen entschärfen?

Kandlhofer: Das Verhängnis ist die Entwicklung bei den Medikamenten. In den letzten zehn Jahren sind die Kosten für Medikamente um 150 Prozent gestiegen, die Kosten für Versicherungsleistungen insgesamt um rund 60 Prozent. Wären die Arzneimittelkosten gleich stark gestiegen, hätten wir 2003 700 Mio. Euro Gewinn gehabt. Wir würden in Geld schwimmen. Es gäbe kein Finanzierungsproblem.

STANDARD: Vielleicht sollte der Hauptverband die Schrauben bei den Verhandlungen mit der Pharmaindustrie anziehen.

Kandlhofer: Die Pharmaindustrie fühlt sich eh sehr gequält von uns und ist durchaus kooperativ. Aber man muss die Relationen sehen. Die Pharmawirtschaft gibt für Pharmareferenten genauso viel Geld aus wie die Sozialversicherung für den gesamten Verwaltungsaufwand. Da sind wir sehr schwer konkurrenzfähig.

STANDARD: Sie hätten aber große Verhandlungsmacht gegenüber der Pharmaindustrie.

Kandlhofer: Wir haben Partner, keine Gegner. Aber wenn von hundert neuen Arzneien maximal drei bis fünf echte Innovationen sind, muss ich fragen, ob wir nicht sehr viel investieren ohne Nutzen. Darum unser Bemühen - wie im Wiener Vertrag -, Generika häufiger zu verschreiben, weil wir da wirklich Geld auf der Straße liegen lassen. Wir könnten 50 bis 70 Millionen Euro pro Jahr lukrieren.

STANDARD: Der Ausgleichsfonds wurde vom Verfassungsgericht aufgehoben. Was nun?

Kandlhofer: Die Struktur, die wir heute haben, wird es nicht bis in alle Ewigkeiten geben. Ich habe schon ein Gerechtigkeitsproblem damit, wenn die Eisenbahner- und die Beamtenversicherung unsolidarisch draußen bleiben können. Der Verfassungsgerichtshof sieht es anders und sagt, ich kann nur die in einen Fonds geben, die ein gleiches Beitrags- und Leistungssystem haben. Wie wir das lösen, weiß ich auch noch nicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.4.2004)

Zur Person

Josef Kandlhofer, 55, stieß im Jänner 2002 als "Sprecher der Geschäftsführung" des Hauptverbandes in die bis dahin rote Spitze der Sozialversicherung vor. Davor war ÖVP-Bauernbündler Kandlhofer Chef der Bauernkrankenkasse. Der gelernte Jurist sah sich nicht als "Schwarzer" im Hauptverband, sondern als "Sozialversicherungs- Experte". In der Tat hat er sich nicht immer auf die Seite der VP gestellt - und etwa dem Wiener Kassenvertrag, den seine Parteifreunde im Verwaltungsrat ablehnten, zugestimmt.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Josef Kandlhofer, Sprecher der Hauptverband-Geschäftsführung, hält die Medikamentenkosten für das "Verhängnis" im Gesundheitssystem. Die sondergeprüfte Wiener Kasse habe sicher "keine Leiche im Keller" sagte er zu Lisa Nimmervoll.

Share if you care.