Wo Gender draufsteht ...

15. April 2004, 07:00
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... sind alle Geschlechter noch lange nicht drin - eine kommentierte Analyse des Begriffes "Gender Mainstreaming"

Laut Definition des Bundesministeriums für Familie, SeniorInnen, Frauen und Jugend bedeutet Gender Mainstreaming "bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt".

Zwei Geschlechter oder mehr

Schauen wir uns also diesen Terminus des Gender Mainstreaming einmal genauer an. Dass ein englisches Wort bzw. die Zusammensetzung zweier englischer Begriffe verwendet wird, hat den simplen Grund, dass es im Deutschen lediglich den Begriff "Geschlecht" als Aussage zur Differenzierung von allgemein zwei (gedachten) Geschlechtern gibt, die da heißen "weiblich" und "männlich". "Gedacht" bzw. konstruiert deshalb, weil diese Zweigeschlechtlichkeit speziell Ende der 80er-/Anfang der 90er-Jahre einen theorieumwobenen Diskurs geleitet hat, ob diese Annahme einer Dualität nicht per se diskriminierend sei in Bezug auf beispielsweise Transsexuelle und Gleichgeschlechliche, und gerichtet war gegen das mehr oder weniger verordnete Zwangskorsett der dualen Geschlechtlichkeit, die sich in den Polen Frau/Mann in allen gesellschaftlichen Strukturen und Symbolen ausdrückt. Diese Kritik findet sich speziell in der Queer-Theorie und wird an der Definition von Gudrun Perko ("Was Sie schon immer über Gender wissen wollten und über Sex nicht gefragt haben", Berlin 2003) deutlich:

Queer denken

"In den USA fungierte dieser Begriff als Schimpfwort gegen jene, die den gesellschaftlichen Normen geschlechtlicher und sexueller Identitäten nicht entsprachen und er ließe sich – im Sinne der negativen Verwendung gegen Homosexuelle – am ehesten mit pervers vergleichen. Zunächst nur vereinzelt als positive Eigenbezeichnung verwendet, wurde queer erst seit Ende der 1980er Jahre und Anfang der 1990er Jahre allgemeiner als diese gebraucht und gerierte schließlich zu einem Sammelbegriff mit spezifischem politischen und wissenschaftlichen Gehalt. Dabei bezog sich der Terminus auf einen politischen Aktivismus sowie eine Denkrichtung und bezeichnet bis heute weniger eine wissenschaftliche Theorie, als eine 'politische und theoretisch-konziptionelle Idee' bzw. vielmehr ein Projekt.

Queer etablierte sich in den USA insgesamt als Zeichen für radikale sexualisierte Aktionsformen, als Politik der 'Sichtbarmachung mit der Kritik an Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit und mit dem Versuch, sich nicht auf ein eindeutiges Identitätsmodell zurückzuziehen, sondern Differenzen anzuerkennen'."

Biologisches und soziales Geschlecht

Im Englischen besteht die Unterscheidung von Geschlecht als dem biologischen Geschlecht = sex, und dem sozialen Geschlecht = gender, Begriffe, die früher im Deutschen Geschlechterrollen genannt wurden. Insoferne bedeutet das biologische Geschlecht physiologische und anatomische Charakteristika von Frauen und Männern, angeborene Geschlechtsmerkmale, meist, aber nicht immer eindeutig nur mit großem Aufwand physisch veränderbar. Das kulturelle und sozial konstruierte Geschlecht dagegen umfasst gesellschaftlich bestimmte Rollen, Rechte und Pflichten von Frauen und Männern. Soziale Unterschiede zwischen Frauen und Männern werden erlernt, können sich daher ändern. Unterschiede können sowohl innerhalb als auch zwischen Kulturen sehr verschieden sein. Das soziale Geschlecht ist nicht ein für alle Mal festgelegt, sondern veränderbar. Gender-Identität: Selbstwahrnehmung als weiblich oder männlich Gender-Rolle: Verhaltensweisen und Fremderwartungen an Frauen und Männer.

Geschlechtsidentitäten

Die Problematik der Geschlechterrollen, vermischt mit jenen des biologischen Geschlechts, kommt im Zitat von Judith Butler ("Das Unbehagen der Geschlechter", Frankfurt/M. 1991) zum Ausdruck: "Demnach ist ein Mann oder eine Frau die eigene Geschlechtsidentität genau in dem Maße, wie er/sie nicht die andere ist, wobei diese Formel die Beschränkung der Geschlechtsidentität auf dieses binäre Paar voraussetzt und zur Geltung bringt.

Heteronormalität als Eindimensionalität

Die Geschlechtsidentität kann nur dann für eine Einheit der Erfahrung bwz. eine Einheit von anatomischem Geschlecht (sex), Geschlechtsidentität (gender) und Begehren stehen, wenn der Begriff "Geschlecht" so verstanden werden kann, dass er in bestimmtem Sinne sowohl die Geschlechtsidentität - als psychische und/oder kulturelle Bezeichnung des Selbst - wie auch des Begehrens - als heterosexuell bestimmtes, das sich durch ein gegensätzliches Verhältnis zum anderen Geschlecht, das es begehrt, differenziert - notwendig macht. Damit bedarf die innere Kohärenz oder Einheit jeder Geschlechtsidentität, sei es die Identität "Frau" oder "Mann", eines festen und zugleich gegensätzlich strukturierten heterosexuellen Systems.

Diese institutionalisierte Heterosexualität erfordert und produziert zugleich die Eindeutigkeit eines jeden der geschlechtlich bestimmten Terme (gendered terms) , die in einem gegensätzlichen binären System die Grenze möglicher Geschlechtsidentitäten bilden." (dabu)

15.04.2004
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    Der Ruf nach Gender Mainstreaming ist umstritten ... insbesondere in seinen Folgen.
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