Riechen, Spüren, Schmecken und endlich Be-Greifen

3. April 2004, 10:00
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Eine philosophische Analyse der Sekundärsinne an der Wiener Kunstakademie soll zu einer neuen Ästhetik verhelfen

In der westlichen Philosophie wurden Tast-, Geruchs- und Geschmackssinn traditionellerweise als "niedere Sinne" eingestuft und konsequent vernachlässigt. Ästhetische Dignität wurde nur den "theoretischen Sinnen", wie Hegel das Sehen und das Hören nannte, zuerkannt. Auch eine der einflussreichsten philosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts, die von Edmund Husserl und Martin Heidegger ausgehende Phänomenologie, orientierte sich bei ihrer "Arbeit an den Phänomenen" größtenteils am Sehen als Paradigma der Wahrnehmung. Eine phänomenologische Ästhetik der taktilen, olfaktorischen und gustatorischen Erfahrungen ist noch immer ausständig.

Das vom Wissenschaftsfonds geförderte Projekt "Ent-Fernung. Eine phänomenologische Ästhetik der Sekundärsinne" an der Akademie der bildenden Künste Wien möchte "diese Stiefkinder der Philosophie ans Licht bringen", wie Projektleiterin Elisabeth von Samsonow das Ziel des seit Oktober 2001 laufenden Projekts beschreibt. Dies verlangt eine systematische Erfahrungsanalyse der Sekundärsinne.

Wenn uns Hören und Sehen vergehen, dann gilt es zu spüren, zu schmecken und zu "be-greifen". Taktile, olfaktorische und gustatorische Erfahrungen sind fragmentarisch und offen. Sie enthalten wiederholbare, aber nicht willentlich aktualisierbare Vorstellungen. Wir verhalten uns dabei zugleich intentional-aktiv und den Einflüssen ausgesetzt. Wir können nicht riechen, ohne zu atmen, nicht schmecken, ohne zu kauen, nicht fühlen, ohne unsere Körperteile zu bewegen. So wird aus der statischen Subjekt-Objekt-Opposition - der sprichwörtlichen "Gegen-Ständlichkeit" - eine dynamische, "sich durchdringende Nachbarschaft".

Distanzen lassen sich "ent-fernen". Spezifisch phänomenologisches Denken ist "erfahrendes Denken". Und das erfordert Sensibilität: als Voraussetzung für Kunst und Ausgangspunkt einer phänomenologischen Ästhetik. Sensibilität verlangen auch die Bemühungen, eine angemessene Sprache zu finden. Die Kargheit des indogermanischen Wortschatzes bezüglich der Sekundärsinne ist mit ein Grund für ihre lange Vernachlässigung. Metaphern lassen sich schwer vermeiden, bestimmte Qualitäten werden häufig mithilfe anderer Sinnesqualitäten beschrieben - ein "süßer" Geruch, ein "scharfer" Geschmack - oder schlicht und einfach verglichen - "Das riecht/schmeckt/fühlt sich an wie . . ."

Projektinitiatorin Madalina Diaconu, die in Bukarest und Wien Philosophie studiert und Ästhetik gelehrt hat, beschäftigen die sprachlichen und interkulturellen Differenzen, die unsere Sinneserfahrungen prägen. Wie kommt es dazu, den Geschmackssinn wie in den romanischen Sprachen als "Lustschloss" zu umschreiben? Welche Rolle spielen kulturspezifische Bewertungen von Gerüchen, Speisen, Kochkunst, Gesten, Gruß- und Berührungsformen für den Entwurf einer Ästhetik?

Das Projekt der phänomenologischen Ästhetik spannt den Bogen von der Darstellung der Sekundärsinne in den visuell-auditiven Künsten bis zu deren autonomer Signifikanz für Eat-Art, Body-Art und den wieder in aller Munde befindlichen Aktionismus. Dabei die Hierarchie von "höheren" und "niederen", von "theoretischen" und bloß "körperlichen" Sinnen abzubauen hilft auch, unsere synästhetischen Wahrnehmungen, das Zusammenspiel mehrerer Sinne, und deren Bedeutung für die Kunst besser zu verstehen. Etwa "den Duft einer Landschaft, den man auf einem Bild riechen können muss", wie Cézanne sagte.

Die grundlegenden ästhetischen Werte im Ausgang von den Sekundärsinnen lauten nicht mehr "schön" und "hässlich", sondern "anziehend" und "abstoßend". Von der Attraktivität einer Patina, einer Atmosphäre, eines Aromas ist es jedoch nur ein kleiner Schritt zur Ethik von Takt, Flair und Gespür - Tugenden, denen feine Unterscheidungen, sensible soziale Erfahrungen des Berührens, Riechens und Schmeckens zugrunde liegen.

So lässt sich die Ästhetik der Sekundärsinne auch im Sinne einer Aesthetic Correctness verstehen. Wenn die körperbezogenen Sinne in der westlichen Kultur gemäß den gefährlichen Klischees vom "Unvollkommenen" und "Fremden" stets Frauen, Kindern und "Primitiven" zugeschrieben und in imaginär-exotische Vorstellung des Orients verbannt wurden, tut eine Neubewertung des ästhetisch "Unreinen" Not.

Ein besonderes Anliegen der phänomenologischen Ästhetik ist die Berücksichtigung sensorischer Behinderungen. Madalina Diaconu spricht von "Wegmarken für eine Ästhetik der Blinden": "Die Kunstfähigkeit der Blinden gilt es nicht nach den Maßstäben der Sehenden zu beurteilen. Wir können umgekehrt von ihrer Verfeinerung der anderen Sinne lernen." Zu lernen und zu "be-greifen" gibt es noch vieles. Weil eine phänomenologische Erfahrungsanalyse dabei weder naturwissenschaftlich-psychologisch noch kulturhistorisch-soziologisch verfährt, ihre Erkundungen aber unter Berücksichtigung dieser Pole unternimmt, bietet sie die Chance für interdisziplinären Austausch der verschiedenen Fächer.

Madalina Diaconu hat zu diesem Forschungsprojekt mit unterschiedlichen Institutionen in Frankreich, Deutschland, den USA und Osteuropa zusammengearbeitet. Diaconu: "Durch Offenheit bleibt man der Phänomenologie treu, nicht durch bloße Textexegese." Dem Forschungsresultat als Buchtext darf man - auf die Gefahr hin, sich erneut der visuellen Metaphorik zu bedienen - gespannt entgegensehen. (Peter Kaiser/ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.4.2004)

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    Riechen, Berühren, Schmecken, lange als "niedere Sinne" eingestuft. Zu einer neuen phänomenologischen Ästhetik der Sekundärsinne soll ihre wissenschaftliche Analyse führen.

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